16 Schüsse Notwehr?
Tennessee Eisenberg wurde nur 24 Jahre alt. Er starb vor acht Monaten in einem Polizeieinsatz in seinem Regensburger Wohnhaus nach einem Streit mit seinem Mitbewohner, den Eisenberg mit einem Messer bedroht hatte. Die von dem Mitbewohner des Musikstudenten zu Hilfe gerufenen Polizisten versuchten nach Angaben der ermittelnden Staatsanwaltschaft, Eisenberg mit Pfefferspray und Schlagstock außer Gefecht zu setzen. Als dies misslungen sei, hätten mehrere Beamte von der Schusswaffe Gebrauch gemacht. Insgesamt wurden 16 Schüsse abgegeben, 12 davon trafen Eisenberg. Ein von der Familie des jungen Mannes in Auftrag gegebenes Gutachten der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster ergab, dass Eisenbergs Leiche ‘ein zerschossenes Kniegelenk und einen durchschossenen Oberarmknochen, einen Steckschuss in der Lunge sowie weitere Treffer an den Extremitäten’ aufwies, die jedoch nicht tödlich gewesen seien. Erst als Eisenberg bereits schwer verletzt und nach Meinung der Gutachter wehrlos war, hätten ihn vier Schüsse in die Brust getötet.
Der mutmaßliche Tathergang deutet also darauf hin, dass sich die Polizeibeamten nur anfangs in einer Notwehrsituation befunden haben. Aus der Abfolge des Geschehens ergibt sich zudem fast zwangsläufig, dass die Einsatzkräfte mit der Situation zumindest überfordert gewesen sein müssen. Bei dem Einsatz muss in der Tat sehr viel schiefgelaufen sein, sonst wäre Tennessee Eisenberg heute noch am Leben. Gegen die Darstellung der Staatsanwaltschaft – die auf eigegen Gutachten und einer mehrstündigen Tatrekonstruktion beruht – spricht auch, dass an der Haustür Blutspritzer gefunden wurden, die nach Meinung der Gutachter entgegen den Behauptungen des Staatsanwaltschaft nicht beim Abtransport Eisenbergs entstanden sein können, weil sie sich in Schulterhöhe befanden. Wenn man der Staatsanwaltschaft Glauben schenkt, muss Eisenberg – von 12 Kugeln bereits durchsiebt – mit durchschossenem Kniegelenk und einem Messer in der ebenfalls von Schüssen getroffenen Hand mehr oder weniger hüpfend oder zumindest stark humpelnd auf die Beamten zugegangen sein. Wie er in diesem schwerverletzten Zustand noch eine Gefahr für Leib und Leben der Polizisten gewesen sein soll, erschließt sich wahrscheinlich nicht nur mir nicht.
Trotzdem hat die Staatsanwaltschaft Regensburg heute mitgeteilt, dass gegen die an dem offensichtlich völlig misslungenen Einsatz beteiligten Beamten keine Anklage erhoben wird. Deren Vorgehen sei gerechtfertigt gewesen. Diese Entscheidung hinterlässt einen mehr als nur faden Beigeschmack, denn es drämgt sich der Verdacht auf, dass die Staatsanwaltschaft die Polizisten schont wider besseren Wissens vor einer Strafverfolgung schützt.
Um nicht missverstanden zu werden: Tennessee Eisenberg hat sich selbst in die Situation gebracht, die letztendlich seinen Tod verursachte. Und die Einsatzkräfte hatten selbstverständlich auch das Recht, sich selbst zu schützen. Aber 16 Schüsse Notwehr? Nein, daran vermag ich beim besten Willen nicht zu glauben.
