Staatsaffäre
Es geht um ein Stück Schmierenjournalismus der übelsten Sorte: Im eher links angesiedelten schwedischen Boulevardblatt Aftonbladet behauptete Donald Bostrom vor zwei Wochen, israelische Soldaten betrieben so eine Art Handel mit den Organen toter Palästinenser. Stichhaltige Indizien oder gar Beweise blieb Bostrom bisher jedoch schuldig. Bostrom musste inzwischen eingestehen, dass er seine Vorwürfe nicht belegen kann. Die Mutter eines von israelischen Scharfschützen getöteten Palästinensers, die im Aftonbladet zitiert wird, schwört Stein und Bein, niemals mit einem Journalisten darüber gesprochen geschweige denn einem solchen gegenüber behauptet zu haben, dass ihrem Sohn die Organe gestohlen worden seien. Auch der Bruder des Getöten weiß davon nichts. Es spricht in der Tat also gar nichts dafür, dass Bostroms Vorwürfe wahr sind. Im Gegenteil: Bostrom hat aus Halbwahrheiten und glatten Lügen eine Story gestrickt, gegen die die imaginären Abenteuer des Barons von Münchhausen wie die reine Wahrheit anmuten.
Nach der Veröffentlichung des Artikels hagelte es natürlich harsche Kritik von allen Seiten. Das ist verständlich und geschah auch völlig zurecht. Damit hätte man die Geschichte dann aber schon wieder vergessen können. Doch dann entdeckte die israelische Rehierung das Thema für sich. Ich habe dafür zwar ein gewisses Verständnis – schließlich ging es um haltlose Beschuldigungen die eigenen Soldaten – aber die Jerusalemer Regierung ließ es sich leider nicht nehmen, noch zusätzliches Öl ins Feuer zu gießen. Ministerpräsident Netanjahu forderte ultimativ eine offizielle Entschuldigung der schwedischen Regierung, sie solle sich ausdrücklich von dem Aftonbladet-Artikel distanzieren. In Stockholm reagierte man auf diese absurde Forderung ziemlich gelassen und verwies auf die auch in dem skandinavischen Land geltende Meinungs- und Pressefreiheit. Außerdem habe sich Schweden immer vehement gegen jede Form des Antisemitismus gewandt, erklärte Außenminister Carl Bildt. Am Tag darauf versammelten sich ein paar Dutzend Demonstranten vor der schwedischen Botschaft in Tel Aviv und schwenkten statt Fahnen rot gefärbtes Matze-Brot als Symbol für die antijüdische so genannte Blutlüge aus dem Mittelalter, Juden würden für die Herstellung des Brotes Christenkinder umbringen. Wenig später heizte der israelische Außenminister Avigdor Lieberman die Stimmung noch zusätzlich an, indem er die erstaunte Öffentlichkeit wissen ließ, dass Schweden schon während des Holocausts geschwiegen und auch nichts gegen den millionenfachen Mord an den europäischen Juden getan habe. Spätestens musste jedem unvoreingenommenen Beobachter klar sein, dass es Israel nur um die propagandistische Ausschlachtung des Aftonbladet-Artikels ging. Lieberman war es dann auch, der die dafür zuständigen Mitarbeiter seines Ministeriums aufforderte, die Presseausweise sämtlicher Aftonbladet-Journalisten im Land einzuziehen und diese auch sonst keinerlei Unterstützung mehr zu gewähren. So eine Art publizistische Sippenhaftung also – fehlt eigentlich nur noch, dass Lieberman alle schwedischen Berichterstatter in Israel ausweisen lassen will.

Screenshot: Aftonbladet-Artikel vom 17. August 2009
Schwedens Regierung lässt sich von Netanjahu und Lieberman aber nicht beirren. Unterstützt wird sie dabei auch von der Präsidentin der jüdischen Gemeinden Schwedens, Lena Posner: Israel habe das Thema derartig aufgeblasen, dass es nun völlig außer Proportion geraten sei.
Recht hat sie.





