Die Schweizer Bestellerautorin und Diplom-Psychologin Julia Onken hat sich im Vorfeld der Anti-Minarett-Abstimmung klar für die Annahme der umstrittenen Volksinitiative ausgesprochen. In einem Newsletter des von ihr gegründeten Frauenseminars Bodensee, der an 4000 Empfänger ging, begründete sie ihre Haltung unter anderem so:
Der Koran, der für Moslems als Gesetzesquelle gilt, schreibt frauenfeindliche und Frauen verachtende Regeln vor, zum Beispiel Verhüllung des ganzen Körpers, außer Hände und Gesicht. Zwangsheirat. Ehrenmord. Züchtigung durch den Ehemann bei Ungehorsam. Moscheen sind Männerhäuser. Minarette sind männliche Machtsymbole. Mit dem Bau von Minaretten wird gleichzeitig ein sichtbares Zeichen für die staatliche Akzeptanz der Unterdrückung der Frau gesetzt. Das muss unter allen Umständen verhindert werden.
Das ist nichts anderes als der immer gleiche islamophobe Bockmist, gegen den auch angeblich linke Frauenrechtlerinnen nicht immun zu sein scheinen: Der Islam schreibt den Muslimen dieses und jenes vor – als ob sämtliche islamische Gläubige eine homogene Masse minderwertiger Irrer wären, die die ach so aufgeklärten Schweizer rund um die Uhr unterjochen und die muslimischen Frauen unterdrücken, schlagen, zwangsverheiraten oder ermorden wollen, wenn sie nicht so spuren, wie die muslimischen Machomänner es von ihnen verlangen. Dass die übergroße Mehrheit der über 400000 Muslime in der Schweiz diesem ausschließlich auf einem widerwärtig pauschalisierenden Generalverdacht basierenden Islambild nicht entspricht, spielt für die Onkens dieser Welt selbstverständlich keine Rolle. Gerade vermeintliche Frauenrechtlerinnen scheinen im Islam einen höchst willkommenen neuen Feind entdeckt zu haben, den es mit allen Mittel und um jeden Preis zu bekämpfen gilt. In Deutschland können wir dasselbe Phänomen unter anderem bei Alice Schwarzer beobachten, deren große Verdienste um die Gleichberechtigung der Frau zwar unbestreitbar sind, die ihre besten Jahre aber schon lange hinter sich hat.
Übrigens: In der Schweiz besitzen Frauen erst seit 1971 das Wahlrecht. Das Land war damit fast das letzte in Europa, das das Frauenwahlrecht eingeführt hat. In den Kantonen dauerte es allerdings noch einmal fast 20 Jahre, bis auch dort die Frauen überall zu den Wahlurnen gehen durften. Als letzter Kanton musste (!) Appenzell Innerrhoden am – man mag es kaum glauben – 27. Novermber 1991 nach einer Entscheidung des Bundesgerichtes in Lausanne Frauen das Wahlrecht zugestehen. Und zwar gegen den ausdrücklich erklärten Willen der männlichen Stimmbürger des Kantons. Zum Vergleich: In Neuseeland gilt das Frauenstimmrecht seit 1893, in Deutschland seit 1918, in der Türkei seit 1934, in Afghanistan (mit Unterbrechungen) seit 1964. Julia Onken scheint allerdings vergessen zu haben, dass sich die Schweiz noch bis vor kurzem in der gesellschaftlichen Steinzeit befunden hat. Der integrierte Schweizer Muslim zeichnet sich für sie zum Beispiel ja auch dadurch aus, dass er – Zitat –
[...] in Vereins- und Gemeindeaktivitäten mitmachen und mitreden [...]
kann. Weiter unten schreibt sie dann:
[...] wenn Begriffe wie Zwangsheirat, Ehrenmord und Genitalverstümmerlung aus der Medienberichterstattung verschwunden sind [...]
Man könnte fast meinen, dass Schweizer Muslime massenhaft solche Verbrechen begingen. Belege für ihre abstrusen Unterstellungen bleibt Frau Onken natürlich schuldig. Sie muss auch gar nicht beweisen, dass ihre Behauptungen der Realität entsprechen, denn sie setzt ganz bewusst auf dumpfe Ressentiments und Vorurteile, die einer kritischen Überprüfung keine fünf Minuten standhalten. Aber Onken – erst einmal richtig in Fahrt gekommen – setzt zum Schluss noch einen drauf:
Der Kerngedanke bisheriger Integrationsbemühungen bestand in der Annahme, dass sich durch die Tolerierung eines anderen Rechtssystem eine organische Angleichung an unsere Rechtsordnung ergibt und sich die Menschen aus verschiedenen Kulturen in Freundschaft und vielleicht auch Liebe verbinden. Dass dies nicht funktioniert, erleben wir, dass es nicht funktionieren kann, zeigt die Analyse der völlig unterschiedlichen gesellschaftlichen Modelle.
Während ein demokratisches Denk- und Wertesystem vom gesellschaftlich geistigen Emanzipationsprozess der Aufklärung gezeichnet ist, die den Glauben an Denkweisen von Autoritäten kritisch hinterfragt, um Leben und Denken selbstverantwortlich zu gestalten, ist der Mensch in der islamischen Gemeinschaft ein Sozialwesen, auf Gemeinschaft und Gehorsam gegenüber Autoritäten ausgerichtet.
Wie um alles in der Welt soll man gegen so einen – mit Verlaub – hirnverbrannten Schwachsinn eigentlich noch argumentieren? Die Antwort auf diese Frage ist so einfach wie erschreckend: Es ist schlichtweg unmöglich. Dieses bizarre Weltbild lässt sich auch mit den besten Argumenten nicht aus den Angeln heben, denn es ist hochgradig wissensresistent.
Um nicht missverstanden zu werden: Ich übersehe keineswegs die Defizite in muslimisch geprägten Ländern. Ich übersehe genauso wenig, dass es – auch außerhalb dieser Länder – Ehrenmorde und Zwangsehen gibt. Ich bestreite allerdings ganz entschieden, dass diese extremen Auswüchse typisch für die in der Schweiz oder in Europa lebenden Muslime sind. Eine Gefahr für die Gesellschaft, wie sie auch von Onken behauptet wird, sind sie ganz sicher nicht.
Ob das auch auf Julia Onken und die femdenfeindlichen Hetzer zutrifft, vor deren Karren sie sich bereitwillig hat spannen lassen, muss jeder für sich selbst entscheiden.
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30. November 2009 | Allgemein | Kommentare deaktiviert