Stuttgart 21: Schlichtes Ergebnis
Ich gehöre eigentlich zu denen, für die ein Glas immer halb voll und nicht halb leer ist. Doch nachdem ich nun den Schlichterspruch von Heiner Geißler (Videodownload: bitte hier klicken | FLV | 362 MB) zum sicherlich auch künftig umstrittenen Eisenbahnprojekt Stuttgart 21 kenne, ist das Glas für mich eher dreiviertelsleer. Selbst wenn ich meine ohnehin nicht besonders hohen Erwartungen an das Ergebnis der Schlichtung zugrunde lege, ist das, was Geißler heute als Empfehlung den Konfliktparteien im Stuttgarter Rathaus serviert hat, für mich ziemlich ungenießbar.
Das Wichtigste im Überblick:
• Der unterirdische Tiefbahnhof in Stuttgart und die Neubaustrecke von Wendlungen nach Ulm sollen – mit einigen Nachbesserungen – wie geplant gebaut werden. Ein Ausstieg aus dem Projekt zum jetzigen oder einem späteren Zeitpunkt sei für die Bahn mit unzumutbaren Kosten verbunden.
• Das von den Gegnern vorgelegte Alternativkonzept Kopfbahnhof 21 sei zwar grundsätzlich durchführbar, aufgrund der fehlenden Planung und wegen der nicht gesicherten Finanzierung zum jetzigen Zeitpunkt aber nicht mehr umzusetzen.
• Einen Baustopp bis zur Landtagswahl im März 2011 sowie einen Volksentscheid über das gesamte Projekt soll es ebenfalls nicht geben.
• Der Tiefbahnhof soll zwei zusätzliche Gleise erhalten.
• Der Flughafen-Fernbahnhof soll ebenso zweigleisig an die Neubaustrecke angebunden werden wie die kreuzungsfreie Wendlinger Kurve.
• Die Gäubahn soll erhalten werden.
• Die Bahn soll einen Fahrplan vorlegen und ihn eimem Stresstest unterziehen, um den Nachweis zu erbringen, dass die versprochene 30-prozentige Leistungssteigerung gegenüber dem bestehenden Kopfbahnhof tatsächlich erreicht werden kann.
• Die Bahn soll für den Fall von Tunnelsperrungen ein funktionierendes Notfallkonzept erarbeiten. Zudem soll der Tiefbahnhof behindertengerecht barrierefrei gestaltet werden.
• Die freiwerdenden Gleisflächen auf dem Gelände des alten Hauptbahnhofs sollen durch die Überführung der Grundstücke in eine Stiftung der Spekulation entzogen werden. Dabei sollen ökologische sowie familien-, behinderten- und kinderfreundliche Aspekte im Vordergrund stehen.
• Im Schlossgarten sollen keine Bäume mehr gefällt, sondern nur umgesetzt werden.
Mit anderen Worten: Stuttgart 21 plus soll im Großen und Ganzen sicherstellen, was den Bürgerinnen und Bürgern bereits mit dem ursprünglichen Konzept vollmundig versprochen wurde. Wenigstens das erreicht zu haben, können sich die Stuttgart-21-Gegner zwar auf die Fahnen schreiben, aber glücklich dürfte das trotzdem niemanden auf Seiten der Kritiker machen, denn die grundsätzlichen Vorbehalte gegen das Projekt bleiben natürlich auch nach dem Ende der Schlichtung bestehen: Der gigantomanische Bahnhofsneubau und die Schnellfahrstrecke nach Ulm sind nach wie vor viel zu teuer und auch im Hinblick auf die vielfältigen Risiken für Mensch, Natur und Umwelt einfach nicht kalkulierbar. Die Konsequenz aus dem ernüchternden Schlichterspruch kann deshalb nur die sein, dass Protest und Widerstand gegen Stuttgart 21 möglichst schnell wieder intensiviert werden.
Ob das noch einmal so gelingen wird wie im Frühjahr und im Sommer, steht natürlich auf einem ganz anderen Blatt.

