Gnade in letzter Sekunde
Ameneh Bahrami studierte Elektrotechnik an der Teheraner Universität, als sie den Heiratsantrag ihres vier Jahre jüngeren Kommilitonen Madschid Mowahedi nicht annahm. Der Verschmähte wollte das jedoch nicht akzeptieren und begann, die damals 24-Jährige zu verfolgen. Ein Jahr später schüttere er Bahrami Schwefelsäure ins Gesicht. Die junge Frau erlitt schwerste Gesichtsverletzungen und erblindete. Der Prozess gegen Mowahedi endete mit einem Schuldspruch: Der Täter wurde zu einer 12-jährigen Freiheitsstrafe verurteilt und sollte umgerechnet 130000 Euro an sein Opfer zahlen. Zudem wurde Ameneh Bahrami erlaubt, Vergeltung zu üben. Der Richter schränkte jedoch ein, dass eine Frau nach iranischem und islamischem Recht nur halb soviel wert wie ein Mann sei, deshalb dürfe sie ihren Peiniger auch nur auf einem Auge blenden. Wenn Bahrami Mowahedi Mowahedi das Augenlicht ganz nehmen wolle, müsse sie dafür einen hohen Gelbetrag aufbringen. Schließlich erstritt sich Bahrami das Recht, Mowahedi ganz erblinden zu lassen, ohne dafür zusätzlich bezahlen zu müssen.
Ihre im Iran nur unzureichend behandelten Verletzungen – die Ärzte hatten sich anfangs geweigert, ihr Kopftuch abzunehmen – wurden in Spanien soweit wie möglich korrigiert. Bis zum heutigen Tag musste Ameneh Bahrami 19 Operationen über sich ergehen lassen. Sie wird aber nie mehr sehen können. Vor zwei Monaten sollte das Urteil gegen Mowahedi erstmals vollstreckt werden, doch die Justiz schob den Termin nach Protesten von Menschenrechtsgruppierungen, die die Bestrafung des Täters als inhuman und grausam bezeichneten, zunächst wieder auf. Heute sollte ein neuer Anlauf unternommen werden, doch in letzter Sekunde war es Bahrami selbst, die darauf verzichtete, Mowahedi unter Betäubung Säure in die Augen zu träufeln. Sie habe aber auch wegen Gott, für mein Land und für mich selbst keine Vergeltung geübt. Und sie habe Mowahedi, der sie ihren Angaben zufolge noch Minuten zuvor als fette Kuh und alte Jungfer beschimpft hatte, verziehen.
Was Bahrami, die mittlerweile in Barcelona lebt, tatsächlich dazu bewogen hat, den Täter zu verschonen, ist trotz ihrer Erklärung unklar. Es habe sie aber niemand – auch nicht die iranische Justiz – unter Druck gesetzt.
Doch ob das wirklich stimmt, werden wir wohl nie erfahren.




