An völliger Ahnungslosigkeit sollte man tunlichst nicht leiden, wenn man für eine seriöse Zeitschrift arbeitet. Dass es trotzdem Redakteure gibt, die diesen Zustand für so eine Art publizistisches Gütesiegel halten und ihn deshalb regelrecht zelebrieren, hat Philipp Gut in seinem Artikel über die politisch inkorrekte (PI) evangelische Pseudopfarrerin Christine Dietrich in der rechtsgerichteten Schweizer Weltwoche nachhaltig unter Beweis gestellt (die ich übrigens keineswegs für seriös halte, siehe auch hier, hier, hier und hier). Das ignorante Propagandapamphlet kommt zwar als kuschelige Wohlfühl-Homestory über Dietrich und PI daher, ist in Wahrheit aber nichts anderes als besonders abstoßender Schmierenjournalismus auf unterstem Niveau:
Die Weltwoche hat die umstrittene Pfarrerin besucht. Der Kontrast zur medialen Aufregung könnte kaum grösser sein: Siselen ist eine beschauliche Bauerngemeinde im Berner Seeland. Das Pfarrhaus liegt direkt an der Hauptstrasse, von der Kirche bietet sich ein idyllischer Blick auf Mais- und Gemüsefelder. Nur selten fährt an diesem Morgen ein Auto oder ein Traktor vorbei. Das Gebäude hat etwas Schlossähnliches. Es handle sich um ein ehemaliges Kloster, erklärt die Hausherrin später im Gespräch. Pudel Romeo muss derweil im Nebenzimmer warten.
Christine Dietrich ist eine robuste Erscheinung, mit ihrem blondgebleichten Zopf erinnert sie an Frauenfiguren des Berner Malers Albert Anker.
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Über zwei Stunden dauert das Gespräch mit der angeschossenen Pfarrerin. Was sie sagt, klingt durchaus vernünftig. ‘Dass ich eine Rassistin und Brandstifterin sein soll, verletzt mich sehr’, sagt Christine Dietrich. ‘Ich bin überzeugt, nie Hass geschürt zu haben.’ Ihr publizistisches Engagement verstehe sie als Fortsetzung der ‘Verkündigung’ mit anderen Mitteln.
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Tatsächlich widerspricht ‘Politically Incorrect’ einigen zentralen Glaubenssätzen des linken bis linksliberalen Justemilieu, in dem sich die Mehrzahl der Journalisten und Intellektuellen in Deutschland wie auch in der Schweiz bewegt. Für die Blogger von ‘PI’ seien Konservative wie Ronald Reagan und George W. Bush nicht a priori Teufel, erklärt Christine Dietrich, auch wenn sie persönlich kein ‘Fan’ von Bush sei. Die USA und Israel halte sie nicht unbedingt für imperialistische Verbrecherstaaten.
Die nüchterne, wohlwollend-kritische Haltung gilt offensichtlich bereits als Sakrileg.
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Dass sie neuerdings eine ‘Extremistin vom Dienst’ sein soll, versteht Christine Dietrich nicht. Ihre Position leuchtet ein: Sie hält den sogenannten interreligiösen Dialog nur dann für sinnvoll, wenn kritische Fragen offen ausgesprochen und adressiert werden.
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Im Nebenzimmer meldet sich Pudel Romeo zu Wort, Christine Dietrich bringt ihm frisches Wasser und etwas zu fressen. Tiere habe sie sehr gern, sagt die Tochter eines Gemüsebauern, die nur zehn Kilometer Luftlinie von Siselen entfernt im freiburgische Kerzers aufgewachsen ist.
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Wer sich die Mühe macht, Dietrichs Texte zu lesen, wird feststellen, dass sie durchweg harmlos sind. Und auch was andere Autoren schreiben, bewegt sich im Rahmen der verfassungsmässig garantierten Meinungsfreiheit. Die Angriffe der Mainstream-Medien wirken – darin liegt die Ironie der Geschichte – wie eine Bestätigung der Raison d’être des unabhängigen Blogs.
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Das sind Worte, wie man sie von einer Pfarrerin erwarten darf, überlegt, mitfühlend, selbstkritisch. Die mediale Aufregung erweckt den Eindruck einer Hexenjagd, die mit den Realitäten wenig zu tun hat. Während die Bevölkerung die Probleme mit dem Islam wahrnimmt, werden sie von Journalisten als Hirngespinst abgetan und pathologisiert (‘Islamophobie’). Auf den Gipfel treibt es der Spiegel: ‘Ist ‹PI› ein Fall für den Verfassungsschutz?’, fragt er in der aktuellen Ausgabe. Damit wäre der Spiess umgedreht: Diejenigen, die den demokratischen Rechtsstaat verteidigen wollen, werden zu dessen Feinden erklärt. Verkehrte Welt.
Nun hätte Gut natürlich auch die Frage stellen können, warum Dietrich beispielsweise in aller Öffentlichkeit mit früheren NPD-Funktionären kollaboriert und den braunen Schergen sogar noch ihren verlogenenen Segen ausspricht. Oder warum die angebliche Israelfreundin keinerlei Berührungsängste mit einer bekennenden Antisemitin hat. Und, und, und. Aber soviel kritische Distanz gehört offensichtlich nicht zu Guts Berufsethos. Stattdessen erklärt er Steven Geyer und Jörg Schindler, die den PI-Stein mit ihren Enthüllungen in mehreren deutschen Tageszeitungen ins Rollen gebracht haben, kurzerhand zu Judenhassern:
Mit kaum verhohlenen antisemitischen Untertönen kritisiert die Frankfurter Rundschau diese Verbindungen. Den ‘PI’-Autoren wirft die Zeitung vor, ’sattsam bekannte ‹Islamkritiker› wie Ralph Giordano oder Henry M. Broder’ zu kennen.
Perfider geht es kaum noch. Obwohl ich mir bei Herrn Gut da nicht ganz sicher bin. Der Mann scheint schließlich keinerlei Schamgefühl zu besitzen.
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