Broder fliegt

Henryk M. Broder wollte Kekse kaufen. Auf dem Amsterdamer Flughafen Schiphol. Und bekam sie nicht. Daraus muss sich doch eine Geschichte konstruieren lassen – dachte sich das HB-Männchen wohl und erfand kurzerhand eine hanebüchene Story, die die hauseigene Artikelendkontrolle des Springer-Verlags offenbar unbeanstandet passieren konnte, obwohl es dafür eigentlich keinen Grund gab.

Aber der Reihe nach:

[...] Jodekoeken aus Alkmaar gehören zu den Spezialitäten, die Holland berühmt gemacht haben.

Man bekommt sie überall, in jedem Supermarkt, an fast jeder Tankstelle und natürlich auch, neben Windmühlen aus Porzellan, Klompen aus Holz und Oranje-Schals aus Viskose, in den Geschäften von Schiphol, dem fünftgrößten Flughafen Europas. Genau genommen ist Schiphol eine riesige Shopping Mall mit Flugbetrieb, geöffnet und zugänglich rund um die Uhr.

Seit kurzem fehlt etwas im Angebot: die ‘Jodekoeken’, Judenkuchen, dünne Scheiben aus Mürbegebäck von etwa 10 cm Durchmesser, sie wurden zuerst 1883 von einem Bäcker namens Albert Govers in Alkmaar hergestellt, der das Rezept wahrscheinlich von einem jüdischen Kollegen aus Amsterdam bekommen hat – daher der Name.


Wer schon einmal in Schiphol war, der weiß, dass Broder ganz sicher nicht sämtliche Flughafenshops nach den Jodekoeken abgesucht hat. Wahrscheinlich war Broder sogar nur in einem einzigen Laden – aber der reichte ihm schon für eine bizarre politisch korrekte Verschwörungstheorie:

Adele, eine ältere Verkäuferin in einem der Läden, kann sich das Verschwinden der Judenkuchen aus den Regalen nicht erklären. Eines Tages übernahm ein neuer Manager den Einkauf, und weg waren sie. [...] Allerdings, vor einigen Jahren seien auch die ‘Negerzoen’ (Negerküsse) auf die gleiche Art verschwunden, von jetzt auf gleich.

Ein solcher, hm, Skandal schreit natürlich regelrecht nach einer historischen Parallele:

Möglicherweisen erleiden die Judenkuchen nun das gleiche Schicksal wie die niederländischen Juden vor genau 70 Jahren, als etwa 110.000 der 140.000 jüdischen Einwohner des Königreichs deportiert wurden.

Innerhalb von einem Jahr war das Land ‘judenrein’. Damit hatte Holland die höchste ‘Deportationsquote’ aller besetzten bzw. kollaborierenden Länder, weit höher als Belgien, Frankreich, Italien und Norwegen.

Merke: Wo man Kekse aus dem Verkehr zieht, zieht man am Ende auch Menschen aus dem Verkehr. Damit dürfte sich Broder endgültig für die geschlossene Abgehalfterten-Station des Kopp-Verlags qualifiziert haben. Herzlichen Glückwunsch. Eva wartet schon auf Sie, Henryk. Und wer ist nun – neben der politisch korrekten Empörungsindustrie – am schändlichen Keks-Holocaust schuld? Natürlich die Ausländer:

Allerdings, im nächsten Albert Heijn Supermarkt, wo nur Holländer einkaufen, sind sie immer noch zu haben.

Mehr zum Thema auch bei Stefan Niggemeier:

Als sie kamen, um die Kekse zu holen … (16. Januar 2012)

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