Archiv der Kategorie ‘9/11 - 10 Jahre danach‘

 
 

Worüber ‘Piraten’ auch abstimmen müssen

Beispielsweise über den Antrag zum Bundesparteitag der Piratenpartei am Wochenende in Neumünster, eine

lückenlose Untersuchung der Zusammenhänge rund um den 11. September 2001


einzuleiten. Was damit gemeint ist? Genau:

[...] sollen Argumente, die eine kontrollierte Sprengung belegen, innerhalb der Internetpräsentation der Piratenpartei mit direktem Link von der Startseite aufgelistet und begründet werden.

Die vollkommen faktenresistenten Truther sterben also nicht aus, ganz im Gegenteil – bei den Piraten haben sie sogar eine eigene Webpräsenz:

Tja, die Wahrheit ist für manche Leute eben immer noch zu unspektakulär.

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Die unbekannten 9/11-Opfer

Zum Abschluss meiner kleiner Artikelserie über den 10. Jahrestag der Terroanschläge in den USA will ich etwas über eine Opfergruppe schreiben, die auch ich bisher gar nicht als solche wahrgenommen habe: die Kinder. Und zwar die, die am 11. September 2001 noch gar nicht geboren oder zu jung waren, um das Geschehen an diesem Tag und seine weitreichenden Folgen zu begreifen, deren Leben durch 9/11 aber dennoch eine dramatische Wendung erfuhr.

Brook Peters war vier Jahre alt, als die Flugzeuge ins World Trade Center krachten. Zwar wurde niemand aus Brooks Familie durch die Anschläge verletzt, aber trotzem machte dieser Tag auch den aufgeweckten Dreikäsehoch zu einem Hinterbliebenen, denn Brook wuchs in Lower Manhattan in unmittelbarer Nachbarschaft einer Feuerwache auf. Die firefighter waren nicht nur Brooks Helden, sondern auch Ersatz für den leiblichen Vater, der nicht mehr da war. Dann kam der 11. September – und der kleine Mann verlor gleich 11 seiner Väter. Es war sein zweiter Tag im Kindergarten:



Brook Peters hat seine durch die Anschläge zerstörte Kindheit in einem äußerst bemerkenswerten Film verarbeitet. The Second Day ist jedoch weit mehr als nur eine simple Dokumentation: Brook hat diesen Film, der für einen 14-Jährigen eigentlich viel zu erwachsen ist, selbst gemacht. Wer ihn auch sehen will, der kann das hier online tun.

Mehr zum Thema:

Generation 9/11 (ARD-Weltspiegel, 11. September 2011)

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1 WTC

Als die Zwillingstürme des World Trade Centers am 11. September 2001 nacheinander einstürzten, hinterließen sie nicht nur eine unvorstellbare Menge an Bauschutt, sondern auch die sterblichen Überreste der rund 2800 Todesopfer, die bei den Teroranschlägen ihr Leben verloren. Die Aufräumarbeiten wurden im Mai 2002 offiziell beendet. Zwar waren in den acht Monaten zuvor insgesamt fast 22000 Leichenteile geborgen worden, aber eine zweifelsfreie Zuordnung der oft nur noch aus Haaren, Hautresten, Knochensplittern oder Zahnfragmenten bestehenden Spuren ist bis heute nur bei etwas mehr als 1600 Menschen, die im World Trade Center starben, gelungen. Die über 1100 Toten, die wahrscheinlich nie mehr identifiziert werden können, wurden beim Einschlag der beiden entführten Flugzeuge entweder auf der Stelle vaporisiert – oder befinden sich noch im Boden von Ground Zero.

Die Tatsache, dass Ground Zero immer auch eine Grabstätte sein wird, hat nicht nur in New York, sondern in ganz Amerika hochemotional und kontrovers geführte Debatten ausgelöst. Im Mittelpunkt stand dabei die Frage, ob und wie das Gelände in Zukunft genutzt werden sollte. Die Diskussionen darüber sind nie ganz verstummt, obwohl schon seit geraumer Zeit feststeht, dass auf dem riesigen Gelände wieder ein Welthandelszentrum entstehen wird. Der Neubau des am 11. September 2001 ebenfalls eingestürzten Gebäudes 7 World Trade Center wurde bereits 2006 eingeweiht, im selben Jahr begannen auf Ground Zero auch die Arbeiten am Fundament des ursprünglich Freedom Tower genannten Projekts von Architekt David Childs. Heute lautet der Name One World Trade Center. 1 WTC wird 541 Meter hoch sein (417 Meter ohne die 124 Meter messende Spitze). Daneben befindet sich die Gedenkstätte für die Opfer des 11. September 2001 und des 26. Februar 1993. Geplant sind außerdem drei weitere Türme (411, 378 und 298 Meter hoch).

Ende 2011 sollen die 104 Stockwerke von One World Trade Center fertiggestellt sein. Die Einweihung des dann fünfthöchsten Gebäudes der Welt ist für Ende 2013 vorgesehen, das gesamte Areal soll ein Jahr später bezugsfertig sein.


Die neue Skyline von Manhattan, wie sie ab 2013 aussehen wird


1 WTC am 1. September 2011


Die offizielle Gedenkstätte, die morgen offiziell eingeweiht wird. Die beiden Wasserbassins markieren die Standorte der eingestürzten Türme des alten World Trade Centers.

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Fragen an Al-Kaida

Heute vor 10 Jahren haben Eure Gesinnungsgenossen 3000 unschuldige Menschen kaltblütig ermordet. Höchste Zeit also für ein paar Fragen an Euch.

Die wichtigste Frage lautet: Was habt Ihr mit Eurer sinnlosen Gewalt eigentlich erreicht?

Dass Eure blanke Mordlust auch nach dem 11. September 2001 noch viele Todesopfer gefordert hat? Schlimm genug.

Dass wir im Westen heute weniger frei sind als vor dem 11. September 2001? Geschenkt. Wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich mich immer wieder für ein Land wie das meine entscheiden. Nirgendwo sonst auf der Welt geht es mir besser, nirgendwo sonst bin ich freier, nirgendwo sonst kann ich mein Leben so selbstbestimmt leben.

Dass Ihr uns in bewaffnete Auseinandersetzungen gezwungen habt? Mag sein. Aber schauen wir uns doch mal Eure erbärmliche Bilanz an. Viele Eurer Führer und Kämpfer sind entweder schon tot oder werden dieses Schicksal in naher Zukunft noch erleiden. Ihr werdet gnadenlos gejagt, es gibt keinen Ort auf dieser Welt, an dem Ihr Euch sicher fühlen könnt. Vielleicht werden wir Euren Terror nie ganz besiegen können, aber Ihr werdet diesen von Euch angefangenen Krieg auf keinen Fall gewinnen. Weil wir stärker sind. Frieden, Freiheit, Demokratie und Wohlstand sind immer stärker als Hass, Gewalt und Unterdrückung.

Dass die friedliebenden Muslime in aller Welt durch Eure Taten spätestens seit dem 11. September 2001 mit Generalverdächtigung und Diskriminierung leben müssen? Dass Ihr diese Muslime, die von Euch als Verräter diffamiert werden, nicht weniger wahllos tötet wie Christen, Juden, Buddhisten oder Hindus? Und darauf seid Ihr auch noch stolz?

Aber Ihr zieht trotzdem immer noch den Tod vor. Nicht nur unseren, sondern auch Euren eigenen. Wenn Ihr aber unbedingt von eigener Hand sterben wollt, dann muss sich eben ein anderer Weg finden, um Eurem offenbar grenzenlosen Selbstzerstörungsdrang Abhilfe zu verschaffen. Ich meine, Ihr verdreht den Koran ja sowieso schon, wie es Euch gerade in den Kram passt, da wird sich doch sicherlich etwas finden, was Euren Suizid ohne Fremdbeteiligung zu einer religionsfanatismuskompatiblen Handlung verklärt. Wer den Islam absichtlich so falsch interpretiert, wie Ihr das tut, der sollte vor diesem finalen Missbrauch des Glaubens auch nicht zurückschrecken.

Meine letzte Frage beschäftigt mich schon seit 10 Jahren: Glaubt Ihr denn tatsächlich allen Ernstes, dass Euer Gott – der in gewissem Sinne übrigens auch meiner ist – Massenmord mit 72 Jungfrauen und dem Paradies belohnt? Wie völlig bekloppt und gehirnamputiert muss man wohl sein, um so einen Mist glauben zu können? Bevor Ihr Euch also das nächste Mal in die Luft jagt, solltet Ihr Euch darüber im Klaren sein, dass Ihr anschließend ohne Umwege in der Hölle landet. Gut, möglicherweise schaffe ich es eines Tages genauso wenig in den Himmel, aber dafür wird dann wenigstens niemand gestorben sein. Außer mir selbst, wohlgemerkt.

In diesem Sinne.

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Die Vorzüge des Mainstream

Natürlich darf man sich auch an einem Tag wie heute selbst zum bemitleidenswerten Vollpfosten machen. Dass man das durchaus ganz unterschiedlich tun kann, will ich an zwei Beispielen veranschaulichen.

Das ist zum einen der wie immer wutschnaubende politisch inkorrekte (PI) Dummschwätzer kewil alias Michael Thiergart. Der beschimpft Altkanzler Schröder am 10. Jahrestag der Terroranschläge in den USA allen Ernstes als Verräter, weil Schröder den dreisten Lügen der kriegsgeilen Bush-Blair-Seilschaft nicht auf den Leim ging und sich deshalb auch nicht am illegalen Überfall auf den Irak beteiligte. Zitat:

Wenn das kein Verrat ist, was dann? Und viele Deutschen wählten ihn genau deswegen wieder als Kanzler. Über die Dummheit und den Charakter dieser Leute möchte ich schweigen. In Frankreich lief die Chose übrigens haarscharf parallel ab!

Gut, dafür wird kewil im Kommentarbereich des von jedem Nachweis menschlicher Intelligenz befreiten Artikels zwar erstaunlich heftig abgewatscht, aber die Tatsache, dass so ein Schei…benkleister bei PI veröffentlicht werden darf, beweist einmal mehr, was bei PI unter proamerikanisch zu verstehen ist. Allerdings geht es – dieses Mal jedoch in der entgegen gesetzten Richtung – noch viel dämlicher. So schreibt Wiglaf Droste heute in der Linksaußen-Gazette Junge Welt:

[...], und auch Mohammed Atta und seinen Komplizen kann man Mangel an Erfolg nicht vorwerfen. Sie brachten das Spielgerät ins Ziel, das Geflügelte traf ins Eckige, und genau das wollten sie ja auch. [...] [...], und dass Deutschland nach 1945 so sträflich straffrei ausging, hätte ja auch nicht so bleiben müssen. Ein paar Boeings aus dem Architekturbüro bin Laden und Partner hätten Deutschland gutgetan, ästhetisch wie politisch.

[...]

So flogen Mohammed ‘Scheuerpulver’ Atta & Kompagnons am 11. September ins New Yorker Büro. Die beiden spektakulären Landungen wurden gefilmt und wieder und wieder im TV gezeigt, offenbar gebot bin Laden über die weltgrößte Marketingabteilung, die im Halbminutenrhythmus die Botschaft verbreitete: Yes, they can! Man kann die USA erfolgreich angreifen. Es geht, das Land ist nicht unverwundbar. Aus den US-Exportschlagern Krieg und Tod kann man eine unerbetene Importware machen. Es war die reine Propaganda – nicht gegen, sondern für die Attentäter.

[...]

[...] solche Rechthabereien unter Landsleuten lassen mich wehmütig davon träumen, die Flugreisen am 11. September 2001 hätten Deutschland zum Ziel gehabt.

[...]

Für die USA hat es wirtschaftlich mittlerweile größte Bedeutung, ob in China ein Sack Reis umfällt, der Einsturz zweier hässlicher und sehr verzichtbarer Türme hat nur nationalfolkloristische Bedeutung. Für mich wird der 11. September 2001 bleiben als die Geburtsstunde der bemannten fliegenden Architekturkritik. Das Ingenieurbüro bin Laden & Erben könnte weiterhin viel zur Verschönerung der Welt beitragen. Gegen blindundtaube Hirne, hilft recht gut die Abrißbirne. Um es präsidial zu sagen: auch und gerade in Deutschland.

Vielleicht wollte Droste einfach nur ein wenig ironisieren. Oder witzisch sein. Und normalerweise kann er das auch ziemlich gut. Aber hier hat Droste einfach nur den Bewis dafür angetreten, dass tumber Antiamerikanismus genauso dämlich ist wie blinde Amerikahörigkeit. Nicht, dass es dafür noch eines Beleges bedurfte, aber immerhin können wir jetzt mit absoluter Gewissheit sagen, dass Schröder mit seiner Positionierung genau dazwischen absolut richtig lag.

Nachtrag (17. September 2011): Ich habe inzwischen Grund zu der Annahme, dass Michael Thiergart und PI-kewil nicht identisch sind.

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Ein wirklich tragischer Held

John O’Neill war eine gleichermaßen schillernde wie umstrittene Persönlichkeit. Der 1952 in Atlantic City im US-Bundesstaat New Jersey geborene FBI-Mann war einer der ganz wenigen innerhalb der amerikanischen Geheimdienstbürokratie, die Osama Bin Laden schon bekämpften, als der Rest der Welt dessen Namen noch nicht einmal buchstabieren konnte. Möglicherweise würde O’Neill den saudischen Terrorführer sogar rechtzeitig zur Strecke gebracht haben, wäre er sich dabei nicht immer wieder selbst im Weg gestanden. Denn O’Neill war nicht nur eine ausgesprochen extrovertierte Persönlichkeit, die Kollegen und Vorgesetzten gewaltig auf die Nerven gehen konnte, sondern verhielt sich innerhalb und außerhalb des Dienstes auch nicht gerade so, wie man es von einem seriösen FBI-Terrorermittler erwartete. O’Neill verlor streng geheime Unterlagen, missbrauchte seine Dienstprivilegien für private Zwecke und hatte zeitweise – obwohl verheiratet – mehrere Geliebte gleichzeitig. Dagegen standen nur O’Neills unbestrittene Verdienste in der Terrorbekämfung und sein ernormes Wissen über Osama Bin Laden und Al-Kaida. Von diesem Kapital konnte O’Neil noch sehr lange zehren. Doch dann wurde intern gegen ihn ermittelt – und O’Neil quittierte im Sommer 2001 seinen Dienst beim FBI, der ein Vierteljahrhundert gedauert hatte.

Am 11. September 2001 trat John O’Neill seinen neuen Job an: Er wurde Sicherheitschef im World Trade Center.

Über das Ende von John O’Neill ist nicht viel bekannt. Nach den Einschlägen der beiden entführten Verkehrsflugzeuge in die Türme des World Trade Centers soll O’Neill vielen Flüchtenden beim Verlassen der Gebäude geholfen haben. Es existieren auch Mitschnitte von Telefonaten, die er noch kurz vor dem Kollaps des World Trade Center mit Behörden und Rettungskräften geführt hatte. Dann verliert sich seine Spur.

Die Leiche von John O’Neill wurde in den Trümmern der zusammengestürzten Türme gefunden. Er wurde – wenn man so will – genau von dem Mann getötet, den er zuvor über viele Jahre hinweg erfolglos gejagt hatte. Einem Freund soll O’Neill nur wenige Tage vor dem Anschlag gesagt haben, dass die Terroristen ihr beim Bombenattentat auf das World Trade Center im Jahr 1993 begonnenes Zerstörungswerk möglicherweise noch zu Ende bringen würden.

Er sollte Recht behalten.

Wahrscheinlich war John O’Neill einer der vielen Helden des 11. September 2001, dem zahlreiche Menschen ihr Leben verdanken. Doch sein erbitterter CIA-Gegenspieler Michael Scheuer fand selbst im Angesicht des Todes von O’Neill nur Worte der Abscheu für seinen langjährigen Intimfeind:

Das einzig Gute an den Anschlägen vom 11. September war für mich der Tod von John O’Neill.

Stil ist eben nicht jedermanns Sache.

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Wie man in Hollywood zum Feigling wird

Rund 3000 Menschen starben bei den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Das jüngste Opfer war gerade einmal zwei Jahre alt, das älteste 85. Unter den 372 ausländischen Toten befanden sich auch 11 Deutsche. Einer von ihnen war der 37-jährige Christian Adams aus dem rheinländ-pfälzischen Biebelsheim. Adams befand sich an Bord des Flugs United Airline 93 auf dem Weg nach San Francisco, wo er als Bereichsleiter des Deutschen Weininstituts für Auslandsmarketing auf einer Messe deutsche Weine präsentieren sollte. Doch dann wurde die Maschine von vier islamistischen Kidnappern entführt, um anschließend in ein Ziel in Washington gelenkt zu werden. Dazu kam es allerdings nicht mehr, nachdem die Passagiere das Cockpit gestürmt hatten. Kurz darauf stürzte die Boeing 757 auf ein freies Feld in der Nähe von Shanksville im US-Bundesstaat Ohio. Es gab keine Überlebenden.

Das Geschehen an Bord von Flug 93 möglichst authentisch nachzustellen, hatte sich der britische Filmemacher Paul Greengrass vor fünf Jahren zur Aufgabe gemacht. Und über weite Strecken gelang ihm das auch ganz hervorragend. Aber der Film United 93 (deutsch: Flug 93) enthält überflüssigerweise einige Passagen, in denen Adams als Feigling porträtiert wird. So lässt Greengrass seine Christian-Adams-Version (gespielt von Erich Redman) im englischsprachigen Original in Todesangst auf deutsch schreien: Ich bin Deutscher, ich will nicht sterben!

Ausschnitt: United 93 (USA 2006)

Zwar fiel der zweite Halbsatz an Bord tatsächlich – aber nicht auf deutsch und auch ohne den von Greengrass frei erfundenen Zusatz Ich bin Deutscher. In Wahrheit gibt es keinen einzigen Hinweis darauf, dass Christian Adams um sein Leben gebettelt hat. Vielmehr ist es sogar sehr gut möglich, dass Adams mit zu jenen Passagieren gehörte, die mit ihrem mutigen Einsatz das Erreichen des Anschlagsziels verhindert haben.

Möglicherweise war Herr Greengrass aber auch nur ein wenig irritiert, weil sich die Familie von Christian Adams geweigert hatte, an der Produktion des Films mitzuwirken. Da kann man in einem Hollywood-Heldenepos dann ganz schnell mal zum Feigling erklärt werden.

Mehr zum Thema:

German 9/11 Victim Defamed in ‘United 93′ Movie
(atlanticreview.org, 10. September 2006)

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Euer 9/11

Am vergangenen Sonntag habe ich die POLITBLOGGER-Leser gebeten, mir zu schildern, wie sie den 11. September 2001 erlebt haben, wo sie waren, was sie gedacht und gefühlt haben und was sie heute über diesen Tag und seine Folgen denken. Aus den vielen Reaktionen, für die ich mich herzlich bedanke, veröffentliche ich hier nun eine Auswahl. Einige Wortmeldungen habe ich redaktionell bearbeitet und/oder aus Platzgründen gekürzt:

Am 11. September 2001 war ich gerade in die 5. Klasse gekommen. Von Politik hatte ich bisher kaum etwas mitbekommen (den Streit um falsch ausgezählte Stimmzettel in Florida vielleicht, aber auch den höchstens am Rande), Nach der Schule ging ich dann nach Hause und habe dort auf meinem Bett gelegen, Radio gehört und Bücher gelesen – und irgendwann kam dann die Meldung im Radio.

Heute verbinde ich mit dem 11. September immer Peter Klöppel, der ohne Vorwarnung ins laufende Programm reingeschaltet wurde und dem die Aufgabe oblag, seinen Zuschauern etwas zu erklären, dass er ganz offensichtlich selbst noch nicht begreifen konnte. Warum ich ausgerechnet diese Bilder im Kopf habe, weiß ich nicht – wir haben sonst nie Nachrichten auf RTL geschaut, selbst die Tagesschau nur äußerst selten, meistens haben wir unsere Nachrichten aus der Tageszeitung bekommen.

[...]

Die Welt verändert sich: In Libyen hat die NATO einem Volk in seinem Kampf geholfen, statt selbst zu erobern. Staaten der westlichen Welt treten zunehmend für Demokratiebewegungen ein, statt Diktatoren einzusetzen, um eigene wirtschaftliche Interessen voranzubringen. Menschen in der westlichen Welt erkennen, dass auch im Nahen Osten Menschen leben – Menschen, nicht nur andersgläubige Zahlen auf einem Stück Papier.

9/11 war – aus Sicht der Terroristen – der wohl erfolgreichste politische Schachzug der modernen Geschichte: Die Welt wurde wieder in zwei Lager gespalten. Misstrauen, Ablehnung und Angst wurden geschürt. Zwei Kriege haben die USA an den wirtschaftlichen Abgrund gebracht, unzählige Sicherheitsgesetze haben viele westliche Demokratien ausgehöhlt.

Zehn Jahre später ist plötzlich die außergewöhnliche Chance entstanden, all das zu beheben: Westliche Staaten können den arabischen Völkern bei ihrem Kampf Unterstützung leisten. Wir können erkennen, dass wir – egal, in welchem Land wir leben – ähnliche Träume und Wünsche, aber auch ähnliche Sorgen und Nöte haben. Wir können zusammen aus den Ruinen des letzten Jahrzehnts aufstehen und gemeinsam aufbauen, statt gegeneinander aufzurüsten.

Ist das naiv? Verrückt? Vermutlich. Aber muss man nicht, wenn die Welt sich verändern soll, erstmal so verrückt sein zu glauben, dass sie sich ändern kann?


Am 11.09. hatte ich eine Fahrstunde und war auf einer roten Yamaha XJ vor meinem Fahrlehrer unterwegs. Eine einsame, kurvenarme Landstrasse, in der Nähe von Lüneburg. Grauer Himmel, Nieselregen. Und auf einmal kam über Funk: ‘Fahr mal rechts ran.’ Ich hielt an und dachte: ‘Was hab ich denn nun schon wieder falsch gemacht?’ Ich stellte die Maschine auf den Hauptständer, und wollte gerade den Helm abziehen. Da kam er schon auf mich zugelaufen:

‘In New York gab’s einen Luftangriff auf das Word Trade Center, und irgendeine Passagiermaschine soll abgeschossen worden sein. Die Air Force hat wohl Alarm ausgelöst, und Jets kreisen um die Stadt. Kam grad im Radio. Kennst Du jemanden in New York?’

Ich dachte: Ist heute der 1. April? Aber nur eine Sekunde lang. Mein Grinsen fror ein, denn er verzog keine Miene, und ich merkte auf einmal: Der meint das ernst.

Ich: ‘Ähm, nicht direkt. New Jersey.’
Er: ‘Ruf an.’

Wir brachen die Fahrstunde ab und fuhren direkt in die Fahrschule, wo schon der Fernseher lief. Die Frau des Fahrlehrers machte den Papierkram – normalerweise. Jetzt saß sie mit offenem Mund vor dem Fernseher und wandte die Augen auch nicht ab, als wir beide in den Schulungsraum polterten. Ich außerdem noch pitschnass. War aber allen Beteiligten irgendwie egal. Da war dann schon bekannt, dass es doch kein Luftangriff war, sondern ein Terroranschlag. Der erste Turm stand in Flammen. Mir fiel spontan die Bombe ein, die ein paar Jahre zuvor in der Tiefgarage des World Trade Centers hochgegangen war. ‘Der 2. Versuch’, dachte ich unwillkürlich.

Ich kannte niemanden in New York. Aber eine Frau, mit der ich fast mal was gehabt hätte, lebte inzwischen beruflich in Morristown, New Jersey. [...]

Ich deutete auf das Telefon und wandte mich an den ‘offenen Mund’:

‘Darf ich mal’?
‘Was?’
‘Telefonieren.’
‘Ähm, ja klar!’
‘Ist aber USA.’
‘Egal! Mach’!’

Ich wählte die ellenlange Nummer, die ich auf einem Zettel im Portemonnaie bei mir trug, und es klingelte. Nach dem dritten Klingeln nahm jemand ab:

‘Hallo?’
‘Ich bins.’

Sie erschrak hörbar.

‘Was, Du? Mein Gott! [...]
‘[...] Geht es Euch gut? Du warst heute nicht in der Stadt, oder?’

Sie brauchte zwei Sekunden, bis sie antwortete. Aber sie war wieder vollkommen ruhig.

‘Nein, seit zwei Wochen schon nicht mehr.’
‘Gut, dann bin ich beruhigt.’

Ich hörte sie atmen. Dann sprach sie weiter, jetzt aber leiser.

‘Danke für Deinen Anruf. Hier ist alles in Ordnung. Hier schon, mein Gott! Was weisst Du?’

‘Ein Terroranschlag. Einer der Türme des World Trade Centers soll gesprengt sein. Und ein Passagierflugzeug soll abgeschossen worden sein. Die Air Force ist in der Luft.’

‘Hier heißt es inzwischen, das Flugzeug wäre entführt worden. Nicht abgeschossen.’

‘Passt auf Euch auf. Ich leg’ jetzt auf, ok?’

‘Ja.’

[...]

Ich habe mich am 11. September schrecklich gefühlt. Merkwürdigerweise lag das weniger an den unmittelbaren Ereignissen in New York selbst [...], sondern weil ich das dumpfe Gefühl hatte, dass die Folgen, die dieser Tag haben würde, nochmals viel schrecklicher sein würden, als die Ereignisse in New York selbst.

Ich hätte mir gewünscht, nicht recht zu behalten. Nach Abu Ghraib, Guantanamo, einer Million toter Irakis, vor allem aber [wegen des] Aufkommen[s] rassistischer und religiöser Ressentiments in der vermeintlich aufgeklärten westlichen Welt darf man man den 11. September meines Erachtens nicht auf 3000 Tote im World Trade Center reduzieren.

Ich erinnere mich sehr genau, dass ich vorzeitig aus der Uni in meine kleine Einzimmerwohnung zurückgefahren bin, weil ich auf die Nachmittagsvorlesung in Zivilrecht keine Lust hatte und lieber auf Sat.1 ‘Star Trek’ gucken wollte. Ich bin in die Wohnung gekommen, habe schonmal den Fernseher angestellt und meine Sachen ausgepackt. Ich war etwas irritiert, als ich statt der üblichen Seriengeräusche einen Nachrichtensprecher hörte. Nach etwa 30 Sekunden stand ich dann vor dem Fernseher und habe gesehen, dass ein Hochhaus qualmte, und wenige Momente später sah man dann das zweite Flugzeug in den anderen Tower krachen. Ich habe meine Freundin angerufen und ihr gesagt, sie solle den Fernseher anmachen. Die nächsten 10 Stunden ist keiner von uns von der jeweiligen Flimmerkiste gewichen.

Erst habe ich die Ereignisse wie durch eine Glaswand wahrgenommen, etwas stumpf und entfernt. Während des Tages habe ich mich dann zunehmend seltsam gefühlt. Einerseits das Entsetzen über die Menschen, die aus den Fenstern gesprungen sind, über die Tausenden Opfer (auch die im Pentagon) andererseits diese Actionfilmhaltung: ‘Und, was passiert als nächstes? Wo ist das nächste Flugzeug?’ [...]

Alles in allem war es ein sehr verwirrender, schockierender und erschreckender Tag, der mein Emfpinden gegenüber Katastrophen verändert hat – weg von der Actionfilmerwartung, hin zu mehr Mitgefühl. Und er hat bei mir ein mulmiges Gefühl hinterlassen, was Berichterstattung und Aufklärung betrifft.

Ich war in China mit einer Gruppe von meiner Uni. Das Bemerkenswerteste war, dass den Chinesen, die dort im Internetcafe irgendwelche Spiele zockten, ziemlich am Allerwertesten vorbei ging, was gerade auf den Fernsehbildschirmen gezeigt wurde, die wir entsetzt anstarrten. Einer grinste mich dann freundlich an und zeigte mit dem Finger in Richtung Fernseher, bevor er wieder in seinem Computerspiel versank.

Ich war damals 12 Jahre alt und stand in nem Babs-Laden, um Klamotten zu kaufen, als ich die Bilder in einem Fernseher dort sah. Ging ziemlich an mir vorbei, da es mich kaum interessiert hat, hab’ nur bemerkt, wie immer mehr Leute sich um den Fernseher versammelten. Ziemlich unspektakulär bei mir, aber was erwartet man von einem 12-Jährigen.

Erst einige Jahre später habe ich die Bedeutung dieses Ereignisses begriffen.

War damals zu der Zeit bei der Bundeswehr, Pflichtdienst ableisten. Saß, wie üblich, mitsamt Zeitung beim nachmittäglichen Büroschlaf, als im Radio auf einmal die Rede von einem Kleinflugzeug [war], einem Sportflieger hieß es zuerst, welches in das WTC gerast wäre. Hab’ dem ganzen keine allzu große Bedeutung zugemessen, weil was soll eine Mücke wie ein Sportflugzeug schon bei so einem Riesen anrichten.

Irgendwann bin ich denn mal durch die anderen Büros getigert aus Langeweile, wie üblich halt beim Bund, um ein wenig mit anderen zu quatschen. Die Büros waren allesamt verwaist, selbst in der Poststelle, die sonst immer besetzt war, war nix los. Also mal ab zum UvD, und siehe da, in seiner kleinen Kammer war die halbe Einheit vorm TV gestanden. Keine Chance, als später Kommender noch einen Blick auf den Fernseher zu erhaschen. Aber ein sichtlich [...] geschockter Moderator meinte etwas mit Zehntausenden Betroffenen in den Gebäuden. Die Neugierde trieb mich dann gen Fernsehzimmer im Dachgeschoss. Dort war interessanterweise keiner, also TV an und genau in dem Moment rauschte Flugzeug zwo in den Turm.

Die Fernbedienung fiel mir aus der Hand, ich blieb erstarrt vorm TV stehen und konnte das kaum glauben, was da gerade geschah. Aus der Starre bin ich erst wieder richtig erwacht, als noch andere in das Zimmer kamen. Nun kurz mal zum Abendessen und gedankenverloren etwas in mich hineingeschlungen, und sofort im Laufschritt am immer noch prall gefüllten UvD-Zimmer vorbei Richtung Fernsehraum. Kaum angekommen, kollabierte der erste der beiden Türme. Wieder ungläubiges Staunen, ja, Entsetzen.

Wie in Trance dann die nächsten Stunden verbracht, mitbekommen, wie die Wachmaßnahmen in der Kaserne verstärkt wurden, wie Sandsäcke geschleppt wurden und hektisches Treiben herrschte. Die Kaserne, insbesondere die Vorgesetzten, glich einem Hühnerhaufen, der von Fuchs und Bussard gleichzeitig beobachtet wird. An diesem Abend wollte das Bier nicht so wirklich schmecken. Am nächsten Morgen beim Appell die nackte Angst in den Gesichtern der Vorgesetzten, was nicht unbedingt zur Beruhigung beitrug. Alles in allem eine sehr komische Stimmung.

Ich kam gerade von einem Notfall-Inst-Einsatz vom Übungsplatz zurück. Beim UvD lief ‘n Fernseher, da brannten gerade die Türme. Kurz darauf stürzte der erste ein, da war mir klar, die Welt wird nicht mehr dieselbe sein.

Ich war am 11. September 2001 bei meinen Eltern und hatte, weil es mir körperlich nicht gut ging, sehr lange geschlafen und im Bett gelegen. Meine Mutter kam aufgeregt in mein Zimmer und sagte, ich solle den Fernseher anmachen. Was ich dort sah, war das Ergebnis des ersten Einschlags. Als ich hörte, dass ein Flugzeug in einen der WTC-Türme gestürzt war, war mir klar, dass es sich wahrscheinlich nicht um einen Unfall handelt, sondern um eine Kamikaze-Aktion riesigen Ausmaßes. Den zweiten Einschlag erlebte ich in Echtzeit am Fernseher, von dem ich in den nächsten Stunden kaum mehr wich.

Das anfangs erwähnte körperliche Unwohlsein entpuppte sich dann als eine Darminfektion, die zu manchen Kommentaren in einem inzwischen wegen Peinlichkeit abgeschalteten Internetforum der ‘Zeit’ passte, welches ich in den nächsten Tagen (ebenso wie die Toilette) häufiger aufsuchte, als ich es normalerweise getan hätte. Die obligatorischen stramm rechten und stramm linken Amerika-Hasser sowie ein Islamist konnten noch am 11. September ihre klammheimliche Freude nicht verhehlen. Und schon am 12. September legte dort ein späterer Co-Autor von Matthias Bröckers [...], der zuvor damit beschäftigt war, das Massaker von Srebrenica zu leugnen, mit dem elenden Verschwörungsgeschwurbel los.

Am 11.09.2001 kam ich gerade in die Küche, als sie auf WDR2 erzählten, dass ein Flugzeug in einen der Türme geflogen wäre und er brennen würde. Ich habe sofort den Fernseher angeworfen und CNN gesucht. Hatte also das zweifelhafte Vergnügen, live den Einschlag des zweiten Flugzeugs sehen zu dürfen.

Sowohl die Fernsehbilder als auch der Rest des Tages fühlten sich für mich sehr irreal an. Ich musste dann noch los zur Bank, und alle Leute waren so wie sonst, und ich wankte da durch wie ein Zombie und dachte ‘Die wissen das noch gar nicht!’ Naja, ich kam mir selber auch sehr irreal vor bei der Bank. Ich hatte dann noch einem damaligen Brieffreund eine SMS geschickt und geschrieben, was passiert war, und der dachte erst, ich wollte ihn verarschen.

Und ich denke, das ist es auch, was so manchen so fassungslos machte: Naturkatastrophe in Bangladesh, Dürre in Afrika, Terroranschlag im Nahen Osten. Das sind Nachrichten, die (mich auch immer wieder) bestürzen, aber es sind Nachrichten, die man kennt. Ein paar 10000 Tote in Afrika oder einem anderen Land, das für Naturkatastrophen bekannt ist, das kennt man. Terroranschläge kennt man auch aus diversen Ländern. Aber ein so großer in den USA, das wirkte einfach so surreal, schlicht, weil es so unerwartet war. Ich denke, das hat viel des Schocks ausgemacht.

Ich glaube es war dieses oder ein ähnliches Foto, welches ich zuerst sah. Ich war auf dem Weg in mein Büro und hörte im Autoradio, dass zwei Flugzeuge ins WTC gestürzt seien (dachte an kleine Sportflugzeuge). Im Büro öffnete ich SPIEGEL ONLINE und sah dieses Bild mit einem Flugzeug nahe des Hochhauses, und dabei kam plötzlich ein seltsames Gefühl in mir auf, der Gedanke, dass etwas ganz Schreckliches, etwas noch nie Dagewesenes passiert ist.

Noch bevor ich den Text in den Nachrichten zu Ende gelesen hatte, rief ich meine Eltern und meinen Freund an, denn ich glaubte, nun beginnt ein Krieg. Ich machte mich sofort zu Fuß auf den Weg zur Wohnung, um im Fernsehen das Ereignis zu verfolgen. Unterwegs rief mich eine Geschäftspartnerin an, die irgendetwas von mir wollte. Mir kam dies in diesem Moment so belanglos vor, und fragte sie, ob sie noch nicht wüsste, was in New York passiert ist. Sie verneinte es. Noch immer auf dem Weg nach Hause, rief mich mein Freund an und sagte, der erste Turm sei eingestürzt. Ich konnte es nicht glauben, dachte, es können nur ein paar Fassadenteile gewesen sein, die sich lösten. Vor dem Fernseher erlebte ich den Einsturz des zweiten Turmes. Ich werde nie vergessen, wie der mächtige Antennenmast des Nordurmes in das Gebäude hineinfiel. Dachte daran, dass Zehntausende von Menschen in diesen Gebäuden arbeiten.

Dieses seltsame Gefühl der völligen Ohnmacht gegenüber einer absoluten Katastrophe, das Gefühl, die Welt hat sich durch ein einzelnes Ereignis völlig verändert, und sie wird nicht mehr so sein wie zuvor, hatte ich auch, als ich das erste Video von der ersten Explosion der Atomreaktoren in Fukushima sah.

Am 11. September 2001 starben in USA Tausende von Menschen, am 11. März 2011 wurden ganze Landstriche für Tausende von Jahren unbewohnbar gemacht. Gleichzeitig starben an diesem Tag in Japan auch Tausende von Menschen durch den Tsunami. Es sind die Dimensionen und die radikalen Veränderungen, die nicht mehr (be)greifbar sind.

Der Spiegel drückte nach den Ereignissen in Japan das Unbegreifliche damit aus, dass am Montag nach den Ereignissen zwei verschiedene Titelblätter der selben Ausgabenummer (am selben Tag) gedruckt wurden:

1. ‘Unser feindlicher Planet’ (mit Foto von überschwemmten und brennenden Häusern)

2. ‘Fukushima 21. März 2011 – Das Ende des Atomzeitalters’ (mit Foto vom explodierenden Reaktor)

Ich habe beide Versionen des Spiegel nebeneinander in einen Rahmen gesteckt und an die Wand gehängt. Ob ich damit je begreifen kann, was in den USA 2001 und in Japan 2011 geschah?

Ich kam gerade aus der Schule. Außer mir war noch keiner zuhause. Ich wollte was essen und habe dabei den Fernseher eingeschaltet.

Es liefen gerade die Bilder vom ersten brennenden Turm. Ich dachte, es liefe irgendeine Fernsehbilligproduktion am Nachmittag. Ich meine, wie unglaubwürdig ist denn das bitte schön? Ein Flugzeug fliegt in den WTC? Solche Unfälle passieren nicht. Erst als ich umschaltete, merkte ich, dass das kein Film war, sondern Realität. In diesem Augenblick sehe ich, wie der zweite Flieger in den zweiten Turm einschlägt. Ich erinnere mich noch gut an den Einschlag des zweiten Flugzeugs. Ich habe gehört, wie mein Topf auf dem Herd überkochte, aber ich konnte mich nicht bewegen. Es war einfach seltsam. Das konnte alles nicht so gewesen sein, da das schier unmöglich ist.

Ich habe meine Eltern angerufen, meine Geschwister und meine Freundin. Ich musste mit irgendwem darüber reden. Aber am Abend habe ich mich damit abgefunden. Terrorismus ist eine Gefahr unserer Zeit und die USA das größte Feindbild auf der Welt.

Was mich aber in den folgenden Wochen so geärgert beziehungsweise verstört hat, ist die Tatsache, dass circa 3000 tote Amerikaner wesentlich mehr Aufmerksamkeit verdienen als mehrere 10000 verhungerte Kinder. Unsere Schülervertretung hat beschlossen, jedem Schüler an der Schule ein schwarzes Schleifchen als Zeichen der Trauer zu geben, damit man seine Trauer ausdrücken konnte. Ich war damals Schulsprecher und habe aus oben genanntem Grund bewusst darauf verzichtet. Das haben mir viele übel genommen. Es war keine Respektlosigkeit den Toten gegenüber, sondern Respekt vor den Tausenden Toten täglich.

Mir war aber an dem 11. September klar, dass sich einiges in unserer Welt verändern würde.

Meinen Topf habe ich erst am Abend vom Herd getan. Alles war schwarz.

Ich war gerade mit meinem Umzug beschäftigt, der ausgeliehene Transporter hatte kein funktionierendes Radio, weswegen ich erst nichts mitbekommen habe. Dementsprechend habe ich die schwachen Scherze meines Kumpels, der dann mit ausladen half, erst nicht verstanden. Erst auf der Fahrt zurück zur Autovermietung hat er mir erklärt: ‘Das World Trade Center steht nicht mehr.’

Richtig glauben konnte ich das erst abends, als ich nach einer schnellen Dusche den Fernseher rausgekramt und angeschlossen habe. Ich habe bis spät in die Nacht zwischen unausgeräumten Umzugskisten gesessen und die sich immer wiederholenden Bilder angesehen. Mittlerweile bin ich – wie wir alle – durch die vielen Wiederholungen abgestumpft, aber ich kann mich erinnern, dass mir der Anblick des zweiten Flugzeugs, das in die Towers einschlug, beim ersten Mal so Angst gemacht hat wie kaum etwas anderes, was ich je im Fernsehen gesehen habe. Wahrscheinlich, weil das – wie das Massaker in Norwegen – einfach wieder das überstieg, was ich für möglich gehalten hatte. Die Inszenierungskünste der Sender taten ihr Übriges.

Und das ist schon wieder zehn Jahre her?

Wir saßen nachmittags vor dem Fernseher und haben irgendeinen Unsinn geschaut. Irgendwann kam ein Hinweis, dass ein Flugzeug ins WTC geflogen sei. Wir dachten erst, es wäre ein Kleinflugzeug oder so gewesen, bis plötzlich die Live-Bilder kamen. Um ehrlich zu sein, konnte ich das mit damals 14 Jahren alles nicht wirklich einordnen. Was genau an dem Nachmittag noch passierte, weiß ich nicht mehr. Ich glaube, wir haben noch weiter die Berichterstattung verfolgt. Ich bin auch nicht mit einem anderen Gefühl als sonst ins Bett gegangen. Ich dachte mir: ‘Okay, das war eine schlimme Sache, aber das legt sich wieder.’ Jaja, ich weiß, sehr naiv.

Ich merkte erst so richtig, dass ‘etwas nicht stimmte’, als ich am nächsten Morgen in die Schule kam und alles so still war. Ich weiß, das hört sich merkwürdig an, aber normalerweise wird (vor allem in dem Alter) vor der Schule rumgeplärrt, über irgendeinen Stuss geredet, das übliche halt. Am 12.9. hat aber kaum jemand etwas gesagt. Diejenigen, die etwas sagten, redeten von Dingen, die ich damals nicht wirklich verstand und – wie ich annehme – sie selbst auch nicht so ganz. Osama bin Laden, Al Qaida, ein mysteriöses Land namens Afghanistan. Es gab dann noch einen Gedenkgottesdienst, dazu sei vielleicht gesagt, dass der Träger des Gymnasiums das hiesige Bistum ist und auf dem Gelände eines alten Klosters steht, weshalb die religiöse ‘Infrastruktur’ (Kirche, Priester, der Heilige Geist) vorhanden ist. Die ganze Sache hat sich allerdings schon einen Tag später wieder ‘normalisiert’, vielleicht, weil wir in dem Alter nicht wirklich begreifen konnten, was genau da vor sich geht und was das alles bedeutete.

Ich erinnere mich dann noch an eine Nachrichtensendung, bei der darüber berichtet wurde, dass die Alliierten auf Kandahar marschieren. Ich weiß, das hat jetzt mit 9/11 direkt nichts mehr zu tun – ich will nur sagen, dass ich die ganze Geschichte nicht in Gänze mitgekriegt habe. Oder nicht mitkriegen wollte, weil mich andere Sachen interessiert haben. Das änderte sich dann 2002/03 im Vorfeld des Irak-Krieges, aber das ist eine andere Geschichte.

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Mein 11. September

11. September 2001. Mein zweiter Urlaubstag. Ich saß auf dem Balkon und wartete. Auf den Pizzaboten. Weil ich wieder einmal zu faul gewesen war, mir selbst etwas zu kochen. Dann rief mich ein guter Freund an. Er schien ganz aufgelöst zu sein. Ich solle schnell den Fernseher einschalten, es sei etwas Schlimmes passiert. Die ersten Bilder, die ich sah, waren die des Einschlags des zweiten entführten Flugzeugs in den Südturm des World Trade Centers. Was ich in diesen Augenblicken gedacht oder gefühlt habe, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, dass ich es nicht glauben konnte. Nicht glauben wollte. Wie sollte man auch glauben, dass Menschen so verzweifelt sein können, dass sie in Todesangst aus einem Wolkenkratzer springen. Ich starrte wie hypnotisiert auf den Bildschirm. Stundenlang. Weil ich gar nicht fähig war, etwas anderes zu tun. Ich sah die beiden Türme des World Trade Centers einstürzen, ich sah das Pentagon lichterloh brennen – und realisierte gar nicht, dass da mehr als 3000 unschuldige Menschen gestorben waren. Vor meinen Augen. Es war tatsächlich passiert, aber nichts davon kam wirklich bei mir an. Zu unglaublich erschien mir das Geschehene, zu schrecklich, um wahr zu sein.

Ein paar Stunden später rief ich meine damalige Freundin in Hamburg an. Gesprochen haben wir nicht viel: Hast du das gesehen? Unfassbar! Das ist so schlimm! Eben das, was man in seiner ganzen erbärmlichen Hilflosigkeit von sich gibt, wenn man nicht weiß, was man eigentlich sagen soll. Abends hielt ich es zuhause nicht mehr aus. Ich musste raus. Weg von den ununterbrochen über den Bildschirm flimmernden Bildern des Terrors, die mir auch nach der x-ten Wiederholung nicht wahrer vorkamen als beim ersten Mal, obwohl ich genau wusste, dass die Bilder nicht logen.

In der Stuttgarter Innenstadt hatten sich unzählige Menschen versammelt. Ich traf mich mit Freunden vor der Eberhardskirche. Ich bin zwar ein gläubiger Mensch, aber in einer Kirche war ich viele Jahre lang nicht mehr gewesen. Doch an diesem Abend gingen wir alle hinein. Drinnen war es still. Viele weinten, andere unterhielten sich leise. Ich tat beides. Vor der Kirche brannten kleine Kerzen. Blumen wurden niedergelegt. Es war irgendwie so surreal. So muss es gewesen sein, als John F. Kennedy ermordet wurde, dachte ich noch.

Gegen Mitternacht war ich wieder zuhause. Und warf endlich diese verdammte Pizza in den Müll. Natürlich schaltete ich sofort den Fernseher wieder ein. Irgendein Sender untermalte eine Zusammenfassung der entsetzlichen Bilder des Tages mit Samuel Barbers Adagio for Strings, im Internet hörte ich irgendwann auch zum ersten Mal Enyas Only Time, wieder in Kombination mit den Flugzeugcrashs, mit den einstürzenden Türmen, mit den vor monströsen Staubwolken panisch flüchtenden Menschen. Diese Musik zu hören, ohne dass die überwältigenden Emotionen des 11. September 2011 nicht wieder in mir hochkommen, ist mir selbst 10 Jahre später nicht möglich.

12. September. Der Tag danach. An Schlaf war in der Nacht gar nicht zu denken gewesen. Längst hatte mich eine diffuse Angst vor den Folgen der Terroranschläge erfasst. Wie würden die USA reagieren, was würde George W. Bush tun? Würden wir nun in einen endlosen Krieg gegen wen auch immer mit hineingezogen? Mussten Muslime weltweit damit rechnen, in Sippenhaft genommen zu werden? Wer waren eigentlich die Täter, woher kamen sie und wie konnten sie so ungehindert Tausende von Menschen ermorden? Auf all diese Fragen gab es natürlich keine befriedigenden Antworten. Dafür aber umso mehr bizarre Verschwörungstheorien. Von der sich im Staub der zusammenfallenden Wolkenkratzer abzeichnenden Fratze des Teufels über die üblichen antisemitisch motivierten Verdächtigungsfantasien bis hin zu der von zahlreichen Geheimdiensten angeordneten absichtlichen Sprengung des World Trade Centers schien manchen Leuten wirklich nichts peinlich genug zu sein, um nicht als scheinbare Erklärung für etwas missbraucht zu werden, was mit gesundem Menschenverstand gar nicht zu erklären war. Und später wurde es noch viel abstruser. Doch nichts davon hat sich bis zum heutigen Tag auch nur ansatzweise als wahr herausgestellt. Im Gegenteil.

11. September 2011. Zehn Jahre ist es jetzt her, dass mein Glaube an das Gute im Menschen von Grund auf nachhaltig erschüttert wurde. Viel ist seitdem passiert. Es wurden Kriege geführt, aber nicht gewonnen. Es wurden Freiheiten beschnitten und beseitigt, aber keine Sicherheit erreicht. Die Welt ist nach wie vor eine Geisel des globalen Terrorismus, weil wir uns bereitwillig knidnappen ließen. Nicht von islamistischen Verbrechern, sondern von unseren eigenen Leuten. Wir haben allen Ernstes geglaubt, anderen das westliche Demokratiemodell mit buchstäblich allen Mitteln aufzwingen zu können, während wir selbst offenbar nicht bereit waren und nach wie vor nicht sind, für unsere eigenen Überzeugungen einzutreten. So gesehen haben Osama Bin Laden und seine Gefolgsleute einen großen Sieg nicht dadurch errungen, indem sie vor, am und nach dem 11. September 2011 soviele unschuldige Menschen töteten, sondern weil wir uns von ihnen einen beträchtlichen Teil unserer Freiheit rauben ließen. Wir haben die Furcht vor dem Bösen in uns so übermächtig werden lassen, dass wir bereit waren, alles in Frage zu stellen, was uns vor 9/11 immer hoch und heilig gewesen war.

Neben dem Verlust Hunderttausender Menschenleben ist das unsere eigentliche Niederlage. Und die schmerzt heute noch genauso wie die Trauer um die Opfer des 11. September.

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Ein wirklich blöder Hund

Sprechende Hunde können eine lustige Sache sein. Der politisch inkorrekte (PI) Hassprediger Daniel Haw liefert mit seinen dilletantischen Zeichnungen allerdings immer wieder den Beweis dafür, dass die Betonung auf können liegen muss, denn einen dämlicheren Gattungsvertreter als Haws gehirnamputierten Kläffer sucht man nicht nur hierzulande vergebens. Heute lässt Haw seinen ultrarechten Zeckenteppich zum Beispiel sagen:

Genau am 11.09.2001. [...] Ich sah die Flugzeuge in die Hochhäuser rasen, [...]. Dann sah ich die jubelnden ‘Palästinenser’, sah, wie ihre glücksbesoffenen Mütter an die jubelnden Kinder verteilten. [...]


Es mag ja sein, dass Haw glaubt, dass auch diese PI-Lüge nur oft genug wiederholt werden muss, damit sie wahr wird. Doch eine Lüge bleibt natürlich immer eine Lüge. Bereits neun Tage nach den Anschlägen berichtete das ARD-Politmagazin Panorama über die Bilder, die weltweit für Empörung gesorgt hatten (ich entschuldige mich für die schlechte Videoqualität):



Noch Fragen, Haw?

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