
Am vergangenen Sonntag habe ich die POLITBLOGGER-Leser gebeten, mir zu schildern, wie sie den 11. September 2001 erlebt haben, wo sie waren, was sie gedacht und gefühlt haben und was sie heute über diesen Tag und seine Folgen denken. Aus den vielen Reaktionen, für die ich mich herzlich bedanke, veröffentliche ich hier nun eine Auswahl. Einige Wortmeldungen habe ich redaktionell bearbeitet und/oder aus Platzgründen gekürzt:
Am 11. September 2001 war ich gerade in die 5. Klasse gekommen. Von Politik hatte ich bisher kaum etwas mitbekommen (den Streit um falsch ausgezählte Stimmzettel in Florida vielleicht, aber auch den höchstens am Rande), Nach der Schule ging ich dann nach Hause und habe dort auf meinem Bett gelegen, Radio gehört und Bücher gelesen – und irgendwann kam dann die Meldung im Radio.
Heute verbinde ich mit dem 11. September immer Peter Klöppel, der ohne Vorwarnung ins laufende Programm reingeschaltet wurde und dem die Aufgabe oblag, seinen Zuschauern etwas zu erklären, dass er ganz offensichtlich selbst noch nicht begreifen konnte. Warum ich ausgerechnet diese Bilder im Kopf habe, weiß ich nicht – wir haben sonst nie Nachrichten auf RTL geschaut, selbst die Tagesschau nur äußerst selten, meistens haben wir unsere Nachrichten aus der Tageszeitung bekommen.
[...]
Die Welt verändert sich: In Libyen hat die NATO einem Volk in seinem Kampf geholfen, statt selbst zu erobern. Staaten der westlichen Welt treten zunehmend für Demokratiebewegungen ein, statt Diktatoren einzusetzen, um eigene wirtschaftliche Interessen voranzubringen. Menschen in der westlichen Welt erkennen, dass auch im Nahen Osten Menschen leben – Menschen, nicht nur andersgläubige Zahlen auf einem Stück Papier.
9/11 war – aus Sicht der Terroristen – der wohl erfolgreichste politische Schachzug der modernen Geschichte: Die Welt wurde wieder in zwei Lager gespalten. Misstrauen, Ablehnung und Angst wurden geschürt. Zwei Kriege haben die USA an den wirtschaftlichen Abgrund gebracht, unzählige Sicherheitsgesetze haben viele westliche Demokratien ausgehöhlt.
Zehn Jahre später ist plötzlich die außergewöhnliche Chance entstanden, all das zu beheben: Westliche Staaten können den arabischen Völkern bei ihrem Kampf Unterstützung leisten. Wir können erkennen, dass wir – egal, in welchem Land wir leben – ähnliche Träume und Wünsche, aber auch ähnliche Sorgen und Nöte haben. Wir können zusammen aus den Ruinen des letzten Jahrzehnts aufstehen und gemeinsam aufbauen, statt gegeneinander aufzurüsten.
Ist das naiv? Verrückt? Vermutlich. Aber muss man nicht, wenn die Welt sich verändern soll, erstmal so verrückt sein zu glauben, dass sie sich ändern kann?
Am 11.09. hatte ich eine Fahrstunde und war auf einer roten Yamaha XJ vor meinem Fahrlehrer unterwegs. Eine einsame, kurvenarme Landstrasse, in der Nähe von Lüneburg. Grauer Himmel, Nieselregen. Und auf einmal kam über Funk: ‘Fahr mal rechts ran.’ Ich hielt an und dachte: ‘Was hab ich denn nun schon wieder falsch gemacht?’ Ich stellte die Maschine auf den Hauptständer, und wollte gerade den Helm abziehen. Da kam er schon auf mich zugelaufen:
‘In New York gab’s einen Luftangriff auf das Word Trade Center, und irgendeine Passagiermaschine soll abgeschossen worden sein. Die Air Force hat wohl Alarm ausgelöst, und Jets kreisen um die Stadt. Kam grad im Radio. Kennst Du jemanden in New York?’
Ich dachte: Ist heute der 1. April? Aber nur eine Sekunde lang. Mein Grinsen fror ein, denn er verzog keine Miene, und ich merkte auf einmal: Der meint das ernst.
Ich: ‘Ähm, nicht direkt. New Jersey.’
Er: ‘Ruf an.’
Wir brachen die Fahrstunde ab und fuhren direkt in die Fahrschule, wo schon der Fernseher lief. Die Frau des Fahrlehrers machte den Papierkram – normalerweise. Jetzt saß sie mit offenem Mund vor dem Fernseher und wandte die Augen auch nicht ab, als wir beide in den Schulungsraum polterten. Ich außerdem noch pitschnass. War aber allen Beteiligten irgendwie egal. Da war dann schon bekannt, dass es doch kein Luftangriff war, sondern ein Terroranschlag. Der erste Turm stand in Flammen. Mir fiel spontan die Bombe ein, die ein paar Jahre zuvor in der Tiefgarage des World Trade Centers hochgegangen war. ‘Der 2. Versuch’, dachte ich unwillkürlich.
Ich kannte niemanden in New York. Aber eine Frau, mit der ich fast mal was gehabt hätte, lebte inzwischen beruflich in Morristown, New Jersey. [...]
Ich deutete auf das Telefon und wandte mich an den ‘offenen Mund’:
‘Darf ich mal’?
‘Was?’
‘Telefonieren.’
‘Ähm, ja klar!’
‘Ist aber USA.’
‘Egal! Mach’!’
Ich wählte die ellenlange Nummer, die ich auf einem Zettel im Portemonnaie bei mir trug, und es klingelte. Nach dem dritten Klingeln nahm jemand ab:
‘Hallo?’
‘Ich bins.’
Sie erschrak hörbar.
‘Was, Du? Mein Gott! [...]
‘[...] Geht es Euch gut? Du warst heute nicht in der Stadt, oder?’
Sie brauchte zwei Sekunden, bis sie antwortete. Aber sie war wieder vollkommen ruhig.
‘Nein, seit zwei Wochen schon nicht mehr.’
‘Gut, dann bin ich beruhigt.’
Ich hörte sie atmen. Dann sprach sie weiter, jetzt aber leiser.
‘Danke für Deinen Anruf. Hier ist alles in Ordnung. Hier schon, mein Gott! Was weisst Du?’
‘Ein Terroranschlag. Einer der Türme des World Trade Centers soll gesprengt sein. Und ein Passagierflugzeug soll abgeschossen worden sein. Die Air Force ist in der Luft.’
‘Hier heißt es inzwischen, das Flugzeug wäre entführt worden. Nicht abgeschossen.’
‘Passt auf Euch auf. Ich leg’ jetzt auf, ok?’
‘Ja.’
[...]
Ich habe mich am 11. September schrecklich gefühlt. Merkwürdigerweise lag das weniger an den unmittelbaren Ereignissen in New York selbst [...], sondern weil ich das dumpfe Gefühl hatte, dass die Folgen, die dieser Tag haben würde, nochmals viel schrecklicher sein würden, als die Ereignisse in New York selbst.
Ich hätte mir gewünscht, nicht recht zu behalten. Nach Abu Ghraib, Guantanamo, einer Million toter Irakis, vor allem aber [wegen des] Aufkommen[s] rassistischer und religiöser Ressentiments in der vermeintlich aufgeklärten westlichen Welt darf man man den 11. September meines Erachtens nicht auf 3000 Tote im World Trade Center reduzieren.
Ich erinnere mich sehr genau, dass ich vorzeitig aus der Uni in meine kleine Einzimmerwohnung zurückgefahren bin, weil ich auf die Nachmittagsvorlesung in Zivilrecht keine Lust hatte und lieber auf Sat.1 ‘Star Trek’ gucken wollte. Ich bin in die Wohnung gekommen, habe schonmal den Fernseher angestellt und meine Sachen ausgepackt. Ich war etwas irritiert, als ich statt der üblichen Seriengeräusche einen Nachrichtensprecher hörte. Nach etwa 30 Sekunden stand ich dann vor dem Fernseher und habe gesehen, dass ein Hochhaus qualmte, und wenige Momente später sah man dann das zweite Flugzeug in den anderen Tower krachen. Ich habe meine Freundin angerufen und ihr gesagt, sie solle den Fernseher anmachen. Die nächsten 10 Stunden ist keiner von uns von der jeweiligen Flimmerkiste gewichen.
Erst habe ich die Ereignisse wie durch eine Glaswand wahrgenommen, etwas stumpf und entfernt. Während des Tages habe ich mich dann zunehmend seltsam gefühlt. Einerseits das Entsetzen über die Menschen, die aus den Fenstern gesprungen sind, über die Tausenden Opfer (auch die im Pentagon) andererseits diese Actionfilmhaltung: ‘Und, was passiert als nächstes? Wo ist das nächste Flugzeug?’ [...]
Alles in allem war es ein sehr verwirrender, schockierender und erschreckender Tag, der mein Emfpinden gegenüber Katastrophen verändert hat – weg von der Actionfilmerwartung, hin zu mehr Mitgefühl. Und er hat bei mir ein mulmiges Gefühl hinterlassen, was Berichterstattung und Aufklärung betrifft.
Ich war in China mit einer Gruppe von meiner Uni. Das Bemerkenswerteste war, dass den Chinesen, die dort im Internetcafe irgendwelche Spiele zockten, ziemlich am Allerwertesten vorbei ging, was gerade auf den Fernsehbildschirmen gezeigt wurde, die wir entsetzt anstarrten. Einer grinste mich dann freundlich an und zeigte mit dem Finger in Richtung Fernseher, bevor er wieder in seinem Computerspiel versank.
Ich war damals 12 Jahre alt und stand in nem Babs-Laden, um Klamotten zu kaufen, als ich die Bilder in einem Fernseher dort sah. Ging ziemlich an mir vorbei, da es mich kaum interessiert hat, hab’ nur bemerkt, wie immer mehr Leute sich um den Fernseher versammelten. Ziemlich unspektakulär bei mir, aber was erwartet man von einem 12-Jährigen.
Erst einige Jahre später habe ich die Bedeutung dieses Ereignisses begriffen.
War damals zu der Zeit bei der Bundeswehr, Pflichtdienst ableisten. Saß, wie üblich, mitsamt Zeitung beim nachmittäglichen Büroschlaf, als im Radio auf einmal die Rede von einem Kleinflugzeug [war], einem Sportflieger hieß es zuerst, welches in das WTC gerast wäre. Hab’ dem ganzen keine allzu große Bedeutung zugemessen, weil was soll eine Mücke wie ein Sportflugzeug schon bei so einem Riesen anrichten.
Irgendwann bin ich denn mal durch die anderen Büros getigert aus Langeweile, wie üblich halt beim Bund, um ein wenig mit anderen zu quatschen. Die Büros waren allesamt verwaist, selbst in der Poststelle, die sonst immer besetzt war, war nix los. Also mal ab zum UvD, und siehe da, in seiner kleinen Kammer war die halbe Einheit vorm TV gestanden. Keine Chance, als später Kommender noch einen Blick auf den Fernseher zu erhaschen. Aber ein sichtlich [...] geschockter Moderator meinte etwas mit Zehntausenden Betroffenen in den Gebäuden. Die Neugierde trieb mich dann gen Fernsehzimmer im Dachgeschoss. Dort war interessanterweise keiner, also TV an und genau in dem Moment rauschte Flugzeug zwo in den Turm.
Die Fernbedienung fiel mir aus der Hand, ich blieb erstarrt vorm TV stehen und konnte das kaum glauben, was da gerade geschah. Aus der Starre bin ich erst wieder richtig erwacht, als noch andere in das Zimmer kamen. Nun kurz mal zum Abendessen und gedankenverloren etwas in mich hineingeschlungen, und sofort im Laufschritt am immer noch prall gefüllten UvD-Zimmer vorbei Richtung Fernsehraum. Kaum angekommen, kollabierte der erste der beiden Türme. Wieder ungläubiges Staunen, ja, Entsetzen.
Wie in Trance dann die nächsten Stunden verbracht, mitbekommen, wie die Wachmaßnahmen in der Kaserne verstärkt wurden, wie Sandsäcke geschleppt wurden und hektisches Treiben herrschte. Die Kaserne, insbesondere die Vorgesetzten, glich einem Hühnerhaufen, der von Fuchs und Bussard gleichzeitig beobachtet wird. An diesem Abend wollte das Bier nicht so wirklich schmecken. Am nächsten Morgen beim Appell die nackte Angst in den Gesichtern der Vorgesetzten, was nicht unbedingt zur Beruhigung beitrug. Alles in allem eine sehr komische Stimmung.
Ich kam gerade von einem Notfall-Inst-Einsatz vom Übungsplatz zurück. Beim UvD lief ‘n Fernseher, da brannten gerade die Türme. Kurz darauf stürzte der erste ein, da war mir klar, die Welt wird nicht mehr dieselbe sein.
Ich war am 11. September 2001 bei meinen Eltern und hatte, weil es mir körperlich nicht gut ging, sehr lange geschlafen und im Bett gelegen. Meine Mutter kam aufgeregt in mein Zimmer und sagte, ich solle den Fernseher anmachen. Was ich dort sah, war das Ergebnis des ersten Einschlags. Als ich hörte, dass ein Flugzeug in einen der WTC-Türme gestürzt war, war mir klar, dass es sich wahrscheinlich nicht um einen Unfall handelt, sondern um eine Kamikaze-Aktion riesigen Ausmaßes. Den zweiten Einschlag erlebte ich in Echtzeit am Fernseher, von dem ich in den nächsten Stunden kaum mehr wich.
Das anfangs erwähnte körperliche Unwohlsein entpuppte sich dann als eine Darminfektion, die zu manchen Kommentaren in einem inzwischen wegen Peinlichkeit abgeschalteten Internetforum der ‘Zeit’ passte, welches ich in den nächsten Tagen (ebenso wie die Toilette) häufiger aufsuchte, als ich es normalerweise getan hätte. Die obligatorischen stramm rechten und stramm linken Amerika-Hasser sowie ein Islamist konnten noch am 11. September ihre klammheimliche Freude nicht verhehlen. Und schon am 12. September legte dort ein späterer Co-Autor von Matthias Bröckers [...], der zuvor damit beschäftigt war, das Massaker von Srebrenica zu leugnen, mit dem elenden Verschwörungsgeschwurbel los.
Am 11.09.2001 kam ich gerade in die Küche, als sie auf WDR2 erzählten, dass ein Flugzeug in einen der Türme geflogen wäre und er brennen würde. Ich habe sofort den Fernseher angeworfen und CNN gesucht. Hatte also das zweifelhafte Vergnügen, live den Einschlag des zweiten Flugzeugs sehen zu dürfen.
Sowohl die Fernsehbilder als auch der Rest des Tages fühlten sich für mich sehr irreal an. Ich musste dann noch los zur Bank, und alle Leute waren so wie sonst, und ich wankte da durch wie ein Zombie und dachte ‘Die wissen das noch gar nicht!’ Naja, ich kam mir selber auch sehr irreal vor bei der Bank. Ich hatte dann noch einem damaligen Brieffreund eine SMS geschickt und geschrieben, was passiert war, und der dachte erst, ich wollte ihn verarschen.
Und ich denke, das ist es auch, was so manchen so fassungslos machte: Naturkatastrophe in Bangladesh, Dürre in Afrika, Terroranschlag im Nahen Osten. Das sind Nachrichten, die (mich auch immer wieder) bestürzen, aber es sind Nachrichten, die man kennt. Ein paar 10000 Tote in Afrika oder einem anderen Land, das für Naturkatastrophen bekannt ist, das kennt man. Terroranschläge kennt man auch aus diversen Ländern. Aber ein so großer in den USA, das wirkte einfach so surreal, schlicht, weil es so unerwartet war. Ich denke, das hat viel des Schocks ausgemacht.
Ich glaube es war dieses oder ein ähnliches Foto, welches ich zuerst sah. Ich war auf dem Weg in mein Büro und hörte im Autoradio, dass zwei Flugzeuge ins WTC gestürzt seien (dachte an kleine Sportflugzeuge). Im Büro öffnete ich SPIEGEL ONLINE und sah dieses Bild mit einem Flugzeug nahe des Hochhauses, und dabei kam plötzlich ein seltsames Gefühl in mir auf, der Gedanke, dass etwas ganz Schreckliches, etwas noch nie Dagewesenes passiert ist.
Noch bevor ich den Text in den Nachrichten zu Ende gelesen hatte, rief ich meine Eltern und meinen Freund an, denn ich glaubte, nun beginnt ein Krieg. Ich machte mich sofort zu Fuß auf den Weg zur Wohnung, um im Fernsehen das Ereignis zu verfolgen. Unterwegs rief mich eine Geschäftspartnerin an, die irgendetwas von mir wollte. Mir kam dies in diesem Moment so belanglos vor, und fragte sie, ob sie noch nicht wüsste, was in New York passiert ist. Sie verneinte es. Noch immer auf dem Weg nach Hause, rief mich mein Freund an und sagte, der erste Turm sei eingestürzt. Ich konnte es nicht glauben, dachte, es können nur ein paar Fassadenteile gewesen sein, die sich lösten. Vor dem Fernseher erlebte ich den Einsturz des zweiten Turmes. Ich werde nie vergessen, wie der mächtige Antennenmast des Nordurmes in das Gebäude hineinfiel. Dachte daran, dass Zehntausende von Menschen in diesen Gebäuden arbeiten.
Dieses seltsame Gefühl der völligen Ohnmacht gegenüber einer absoluten Katastrophe, das Gefühl, die Welt hat sich durch ein einzelnes Ereignis völlig verändert, und sie wird nicht mehr so sein wie zuvor, hatte ich auch, als ich das erste Video von der ersten Explosion der Atomreaktoren in Fukushima sah.
Am 11. September 2001 starben in USA Tausende von Menschen, am 11. März 2011 wurden ganze Landstriche für Tausende von Jahren unbewohnbar gemacht. Gleichzeitig starben an diesem Tag in Japan auch Tausende von Menschen durch den Tsunami. Es sind die Dimensionen und die radikalen Veränderungen, die nicht mehr (be)greifbar sind.
Der Spiegel drückte nach den Ereignissen in Japan das Unbegreifliche damit aus, dass am Montag nach den Ereignissen zwei verschiedene Titelblätter der selben Ausgabenummer (am selben Tag) gedruckt wurden:
1. ‘Unser feindlicher Planet’ (mit Foto von überschwemmten und brennenden Häusern)
2. ‘Fukushima 21. März 2011 – Das Ende des Atomzeitalters’ (mit Foto vom explodierenden Reaktor)
Ich habe beide Versionen des Spiegel nebeneinander in einen Rahmen gesteckt und an die Wand gehängt. Ob ich damit je begreifen kann, was in den USA 2001 und in Japan 2011 geschah?
Ich kam gerade aus der Schule. Außer mir war noch keiner zuhause. Ich wollte was essen und habe dabei den Fernseher eingeschaltet.
Es liefen gerade die Bilder vom ersten brennenden Turm. Ich dachte, es liefe irgendeine Fernsehbilligproduktion am Nachmittag. Ich meine, wie unglaubwürdig ist denn das bitte schön? Ein Flugzeug fliegt in den WTC? Solche Unfälle passieren nicht. Erst als ich umschaltete, merkte ich, dass das kein Film war, sondern Realität. In diesem Augenblick sehe ich, wie der zweite Flieger in den zweiten Turm einschlägt. Ich erinnere mich noch gut an den Einschlag des zweiten Flugzeugs. Ich habe gehört, wie mein Topf auf dem Herd überkochte, aber ich konnte mich nicht bewegen. Es war einfach seltsam. Das konnte alles nicht so gewesen sein, da das schier unmöglich ist.
Ich habe meine Eltern angerufen, meine Geschwister und meine Freundin. Ich musste mit irgendwem darüber reden. Aber am Abend habe ich mich damit abgefunden. Terrorismus ist eine Gefahr unserer Zeit und die USA das größte Feindbild auf der Welt.
Was mich aber in den folgenden Wochen so geärgert beziehungsweise verstört hat, ist die Tatsache, dass circa 3000 tote Amerikaner wesentlich mehr Aufmerksamkeit verdienen als mehrere 10000 verhungerte Kinder. Unsere Schülervertretung hat beschlossen, jedem Schüler an der Schule ein schwarzes Schleifchen als Zeichen der Trauer zu geben, damit man seine Trauer ausdrücken konnte. Ich war damals Schulsprecher und habe aus oben genanntem Grund bewusst darauf verzichtet. Das haben mir viele übel genommen. Es war keine Respektlosigkeit den Toten gegenüber, sondern Respekt vor den Tausenden Toten täglich.
Mir war aber an dem 11. September klar, dass sich einiges in unserer Welt verändern würde.
Meinen Topf habe ich erst am Abend vom Herd getan. Alles war schwarz.
Ich war gerade mit meinem Umzug beschäftigt, der ausgeliehene Transporter hatte kein funktionierendes Radio, weswegen ich erst nichts mitbekommen habe. Dementsprechend habe ich die schwachen Scherze meines Kumpels, der dann mit ausladen half, erst nicht verstanden. Erst auf der Fahrt zurück zur Autovermietung hat er mir erklärt: ‘Das World Trade Center steht nicht mehr.’
Richtig glauben konnte ich das erst abends, als ich nach einer schnellen Dusche den Fernseher rausgekramt und angeschlossen habe. Ich habe bis spät in die Nacht zwischen unausgeräumten Umzugskisten gesessen und die sich immer wiederholenden Bilder angesehen. Mittlerweile bin ich – wie wir alle – durch die vielen Wiederholungen abgestumpft, aber ich kann mich erinnern, dass mir der Anblick des zweiten Flugzeugs, das in die Towers einschlug, beim ersten Mal so Angst gemacht hat wie kaum etwas anderes, was ich je im Fernsehen gesehen habe. Wahrscheinlich, weil das – wie das Massaker in Norwegen – einfach wieder das überstieg, was ich für möglich gehalten hatte. Die Inszenierungskünste der Sender taten ihr Übriges.
Und das ist schon wieder zehn Jahre her?
Wir saßen nachmittags vor dem Fernseher und haben irgendeinen Unsinn geschaut. Irgendwann kam ein Hinweis, dass ein Flugzeug ins WTC geflogen sei. Wir dachten erst, es wäre ein Kleinflugzeug oder so gewesen, bis plötzlich die Live-Bilder kamen. Um ehrlich zu sein, konnte ich das mit damals 14 Jahren alles nicht wirklich einordnen. Was genau an dem Nachmittag noch passierte, weiß ich nicht mehr. Ich glaube, wir haben noch weiter die Berichterstattung verfolgt. Ich bin auch nicht mit einem anderen Gefühl als sonst ins Bett gegangen. Ich dachte mir: ‘Okay, das war eine schlimme Sache, aber das legt sich wieder.’ Jaja, ich weiß, sehr naiv.
Ich merkte erst so richtig, dass ‘etwas nicht stimmte’, als ich am nächsten Morgen in die Schule kam und alles so still war. Ich weiß, das hört sich merkwürdig an, aber normalerweise wird (vor allem in dem Alter) vor der Schule rumgeplärrt, über irgendeinen Stuss geredet, das übliche halt. Am 12.9. hat aber kaum jemand etwas gesagt. Diejenigen, die etwas sagten, redeten von Dingen, die ich damals nicht wirklich verstand und – wie ich annehme – sie selbst auch nicht so ganz. Osama bin Laden, Al Qaida, ein mysteriöses Land namens Afghanistan. Es gab dann noch einen Gedenkgottesdienst, dazu sei vielleicht gesagt, dass der Träger des Gymnasiums das hiesige Bistum ist und auf dem Gelände eines alten Klosters steht, weshalb die religiöse ‘Infrastruktur’ (Kirche, Priester, der Heilige Geist) vorhanden ist. Die ganze Sache hat sich allerdings schon einen Tag später wieder ‘normalisiert’, vielleicht, weil wir in dem Alter nicht wirklich begreifen konnten, was genau da vor sich geht und was das alles bedeutete.
Ich erinnere mich dann noch an eine Nachrichtensendung, bei der darüber berichtet wurde, dass die Alliierten auf Kandahar marschieren. Ich weiß, das hat jetzt mit 9/11 direkt nichts mehr zu tun – ich will nur sagen, dass ich die ganze Geschichte nicht in Gänze mitgekriegt habe. Oder nicht mitkriegen wollte, weil mich andere Sachen interessiert haben. Das änderte sich dann 2002/03 im Vorfeld des Irak-Krieges, aber das ist eine andere Geschichte.
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