Was vom Sonntag übrig bleibt
Keine Frage: 991 Stimmen sind ein überwältigendes Ergebnis. Dennoch soll nicht unterschlagen werden, dass gleich 109 Wahlfrauen und -männer, die Union, FDP, SPD und Grüne zu Joachim Gaucks feierlicher Krönung in die Bundesversammlung entsandt hatten, heute nicht für den neuen Bundespräsidenten gestimmt haben. Das ändert zwar nichts an Gaucks Wahl, es zeigt jedoch, dass die berechtigte Kritik an Gaucks Kandidatur in den letzten Wochen deutlich erkennbare Spuren hinterlassen hat. Und das ist auch gut so.
Die würdelose Hinterzimmernominierung Gaucks, bei der es vor allem auf Seiten der Regierungskoalition überhaupt nicht darum ging, wer der geeignetste Kandidat ist, wirft weit über den Tag hinaus Fragen auf, die dringend beantwortet werden müssen. Zum Beispiel die, ob es noch zeitgemäß ist, unser Staatsoberhaupt von einer Institution wählen zu lassen, deren demokratische Legitimation auf dem Papier vielleicht noch existiert, aber schon lange nicht mehr dem Geist einer aufgeklärten Demokratie entspricht. Es spricht eigentlich nichts dagegen, dass sich das Volk seinen Präsidenten künftig selbst wählt. Die Bundesversammlung ist ein Anachronismus, der nicht mehr in eine Zeit passt, in der mündige Bürgerinnen und Bürger dem einheimischen Politikbetrieb aus guten Gründen immer weniger Nützliches abgewinnen können. Die Direktwahl des Bundespräsidenten würde hier wenigstens ein kleines Zeichen setzen, das der Politikverdrossenheit in weiten Teilen der Bevölkerung entgegen wirken könnte.
Eine weitere Frage müssen sich die Medien stellen. Deren Aufgabe ist es nämlich nicht, einen Kandidaten zum demokratischen Messias aufzublasen. Ob er nun Gauck heißt oder nicht. Die jede Kritik an Gauck schon im Keim erstickende Berichterstattung in den letzten Wochen war nicht nur peinlich, sondern auch kontraproduktiv, denn Joachim Gauck wird die völlig übersteigerten Erwartungen an ihn ganz sicher nicht erfüllen können. Und das liegt nicht an ihm. Selbst ein Joachim Gauck ist nicht die eierlegende Wollmilchsau, zu der er seit Christian Wulffs Rücktritt gemacht wurde.
Gauck selbst hat eine faire Chance verdient. Natürlich. Man mag mit einigen seiner Ansichten nicht einverstanden sein, aber manche Menschen wachsen ja mit ihrem Amt. Joachim Gaucks Antrittsrede hat gezeigt, dass er auf jeden Fall das Zeug dazu hat.
