Archiv der Kategorie ‘Kirche‘

 
 

Wer redet eigentlich noch von den Opfern?

Die katholische Kirche als

Kinderficker-Sekte

zu beschimpfen, so wie Jörg Kantel alias Schockwellenreiter das im vergangenen Jahr getan hat, ist sicherlich wenig geeignet, die Aufarbeitung der unzähligen Fälle sexuellen Missbrauchs in kirchlichen Einrichtungen voranzubringen. Mit der Dämonisierung der Institution Kirche ist keinem einzigen Opfer geholfen, zudem wird die Tatsache verwischt, dass sich trotz der Vielzahl der Fälle nur eine kleine Minderheit katholischer Geistlicher an Kindern und Jugendlichen vergriffen hat. Um nicht vorsätzlich missverstanden zu werden: Ich relativiere oder marginalisere kein einziges dieser abscheulichen Verbrechen, ganz im Gegenteil. Die Täter müssen ermittelt, verurteilt und für immer aus dem Kirchendienst entfernt werden. Vor allem aber muss die Kirche aus den Vorkommnissen die längst überfälligen Konsequenzen ziehen. Denn neben der strafrechtlich relevanten individuellen Schuld existiert auch eine moralische Schuld durch absichtliches Wegsehen und Vertuschen. Das gilt genauso für die leibfeindliche Sexuallehre der katholischen Kirche, die die Taten vielleicht nicht ausgelöst, in einem gewissen Maße aber sehr wohl begünstigt haben könnte.

Zurück zum Schockwellenreiter: Für den hatte die erwähnte Formulierung juristische Konsequenzen. Er wurde wegen Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen angezeigt. Eine Berliner Amtsrichterin weigerte sich jedoch, in dieser Sache das Hauptverfahren zu eröffnen. Begründung:

Kantel zitiert aus dem Ablehnungsbeschluss des Amtsgerichts, es gäbe in der Tat heftige Diskussionen in der Öffentlichkeit zum Thema Missbrauch in der katholischen Kirche. In diesem Zusammenhang sei auch durchaus Vertrauen erschüttert worden, insbesondere in die Institution ‘katholische Kirche’. Hieran sei die katholische Kirche aber eben nicht unschuldig, denn die öffentliche Diskussion sei bedingt durch die in den letzten beiden Jahren bekannt gewordenen zahlreichen Fälle von Missbrauchshandlungen von katholischen Geistlichen und anderen Mitarbeitern der katholischen Kirche.

Laut Kantel schildert die Richterin einige der schlimmsten Missbrauchsfälle, welche in letzter Zeit bekannt geworden sind. Vor diesem Hintergrund sei auch eine starke Äußerung wie dies Bloggers nicht geeignet, den öffentlichen Frieden zu gefährden.

Dem schließe ich mich im Großen und Ganzen an. Doch auch wenn der Beschluss im Interesse der Meinungsfreiheit richtig sein mag, so entlastet das Kantel keineswegs von dem Vorwurf, aus reiner billiger Effekthascherei reichlich primitives Kirchenbashing betrieben zu haben. Zugegeben: Auch ich war im Umgang mit der katholischen Kirche in der Vergangenheit alles andere als zimperlich, insofern muss ich mein Handeln genauso selbstkritisch wie der Schockwellenreiter reflektieren. Allerdings sieht sich Kantel durch den noch nicht rechtskräftigen Beschluss in seinem Tun nur bestätigt:

Ich sehe dies aber als Auftrag, daß ich mein geplantes ‘Schwarzbuch Mißbrauch — Über die pädophilen Machenschaften der katholischen Kirche’ fertigstellen muß, auch wenn mir manchmal beim Recherchieren übel wird. Das bin ich Euch schuldig.

Ach ja … ob ich gegen den Anzeigenden juristisch vorgehen werde, werde ich nach einem Gespräch mit meiner Rechtsanwältin entscheiden.

Bleibt noch eine Frage zu klären – nämlich die, wie Gerichte entscheiden würden, wenn Schulen, in denen sexueller Missbrauch vorgekommen ist, als Kinderficker-Schulen bezeichnet würden. Bin ich denn wirklich ein Schelm, wenn ich Böses dabei denke und vermute, dass die Meinungsfreiheit in solchen Fällen sehr viel restriktiver ausgelegt werden würde?

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Sex sells

Wahr ist:

Sie predigt Keuschheit, wettert gegen die Pille – und macht ein Vermögen mit Porno-Büchern. Neue Enthüllungen stellen jetzt die Katholische Kirche an den Pranger. Und ein Sturm der Empörung geht durch die Schar der Gläubigen.

Grund für die Aufregung ist das teils auf Sex-Kundschaft ausgerichtete Online-Angebot des Augsburger Verlages ‘Weltbild’, der zu hundert Prozent den deutschen Diözesen der katholischen Kirche gehört.

Jetzt wurde publik, dass dort mehr als 2500 erotische Titel vertrieben werden, darunter vielsagende Machwerke wie ‘Die Anwaltshure’, ‘Schlampen-Internat’, ‘Vögelbar’, ‘Zur Hure erzogen’, ‘Nimm mich hier und nimm mich jetzt’ oder ‘Sag Luder zu mir’.


Absolut unwahr und nur ein den Urheber direkt ins Fegefeuer katapultierendes Gerücht ist dagegen, dass der WELTBILD-Verlag den globalen Vertrieb für dieses schlüpfrige Werk übernommen hat:

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Vielen Dank an dontyoubelievethehype.com für den Hinweis.

Wirklich nur ein Versehen?

Pedro Varela ist das, was man zurecht einen neonazistischen Holocaustleugner nennt. 1996 wurde er als erster Spanier überhaupt wegen des Bestreitens des millionenfachen Mordes an den europäischen Juden zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt, seit eineinhalb Jahren sitzt Varela deshalb erneut im Gefängnis. Warum man in Spanien nun glaubte, den Papst darum bitten zu müssen, sich für Varelas Freilassung einzusetzen, weiß ich zwar nicht – aber der Appell hatte offenbar Erfolg:

[...] Kopie eines Briefes, der die eigenhändige Unterschrift von Nuntius Renzo Fratini trägt – und sich tatsächlich wie eine Solidaritätsadresse für den inhaftierten Verleger und Buchhändler liest.

[...]

In seinem Schreiben teilt Fratini nämlich einem ‘verehrten Carlos’ mit, dass er seinerseits den ‘freundlichen Brief’ erhalten habe, in dem auf die ‘beklagenswerte Lage’ des ‘in Gefangenschaft’ sitzenden Varela hingewiesen werde, ebenso das Schreiben, das an Papst Benedikt gerichtet war und an diesen weitergeleitet worden sei.

‘Ich möchte Ihnen versichern, dass die Apostolische Nuntiatur gegenüber den Behörden ihr Interesse an diesem empfindlichen Fall gezeigt hat’, fügt der Nuntius hinzu. Er könne überdies dafür bürgen, dass ‘der Heilige Vater ihn (Varela) in seine Gebete einschließen werde.’



Das Corpus Delicti im Original

Nachdem die Neonaziszene des Landes das Schreiben des Apostolischen Nuntius in Spanien inzwischen lauthals bejubelt, ist dem Vatikan nun doch ein wenig mulmig zumute. Doch selbst die Distanzierung von dem Brief wirkt nur halbherzig:

Die Formulierungen in dem Schreiben nennt er ‘wenig glücklich’ und ‘missverständlich’. [...] Den Absender habe man sich in diesem Fall nicht genau genug angeschaut – nun wisse man, dass es sich um eine ‘umstrittene’ Figur handele.

Angesichts solch unagemessen wachsweicher Formulierungen stellt sich eine Frage dann doch ganz dringend: War der Brief wirklich nur ein Versehen? Oder ist es dem Vatikan vielmehr nur peinlich, bei der Unterstützung eines Holocaustleugners erwischt worden zu sein? Wieder einmal. Stichwort: Pius-Bruderschaft.

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Vielen Dank an Antikraut für den Hinweis.

Der überaus gütige Adolf E.

Adolf Eichmann war als Leiter des nach ihm benannten Referats im Reichssicherheitshauptamt an zentraler Stelle für die Ermordung von sechs Millionen europäischen Juden mitverantwortlich. Nach dem Krieg flüchtete Eichmann nach Argentinien, wo er 1960 von Agenten des israelischen Geheimdienstes aufgespürt und nach Israel gebracht wurde. Dort musste er sich für seine Untaten vor Gericht verantworten. Adolf Eichmann wurde 1962 zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Wäre es nach der evangelischen Kirche gegangen, dann hätte es vermutlich weder den Prozess und schon gar nicht das Todesurteil gegen Eichmann gegeben, denn der aus Nürnberg stammende frühere Linzer Superintendent Wilhelm Mensing-Braun setzte sich in einem Schreiben an das Auswärtige Amt für Eichmann ein. Dieses Schreiben wurde vom Vertreter der Evangelischen Kirche in Deutschland bei der Bundesregierung, Bischof Hermann Kunst, an das Auswärtige Amt mit dem Vermerk weitergeleitet, dass die darin enthaltene Stellungnahme

mindestens interessant

sei. Nun, interessant ist sicherlich nicht das richtige Wort für die Tatsache, dass Mensing-Braun Eichmann offenbar für völlig harmlos hielt:

Der Superintendent bescheinigte dem im österreichischen Linz aufgewachsenen Massenmörder Eichmann eine ‘grundanständige Gesinnung’ , ein ‘gütiges Herz’ und ‘große Hilfsbereitschaft’.

Mensing-Braun schreibt, er könne sich ‘nicht vorstellen’, dass der ehemalige SS-Obersturmbannführer Eichmann ‘je zu Grausamkeit oder verbrecherischen Handlungen fähig gewesen wäre’.

Immerhin: Die Bundesregierung hat sich nicht für Eichmann eingesetzt. Im Deutschland der frühen sechziger Jahre, in dem es in Politik und Verwaltung vor Alt-Nazis immer noch nur so wimmelte, muss man das fast schon als Überraschung bezeichnen.

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