Manche Leute denken ja immer noch, man müsse nur gegen den Strich gebürstet sein, um als besonders klug zu gelten. Diesem peinlichen Irrglauben scheint auch Telepolis-Autor Rudolf Maresch zum Opfer gefallen sein:
Ist Fußball ein ‘Integrationsmotor’ allerhöchster Güte? Fast könnte man dazu neigen, wenn man die rührig-rührenden Lobeshymnen auf das junge deutsche Team hört oder liest, die Tageszeitungen, Journalisten oder Offizielle derzeit verbreiten.
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Ausdrücklich hervorgehoben wird dabei der Kreativspieler und ‘Sprintzehner’ [...] Mesut Özil. Er ist der bislang ungekrönte Star und Held der deutschen Elf. Und das nicht nur wegen seines entscheidenden Tores gegen die “Black Stars”. Gelobt wird jetzt auch und vor allem, dass er bereits ‘Ja zur Nationalmannschaft’ gesagt hat, als das für einen türkischstämmigen Mann alles andere als selbstverständlich war.
Vergessen wird dagegen, dass Özil auch jener Spieler ist, der schon vor drei Jahren – und das noch als Achtzehnjähriger bei seinem Heimatverein Schalke 04 – um einen Millionenvertrag pokerte, den der Verein in dieser Höhe nicht akzeptieren wollte. Diese Raffke-Mentalität brachte ihm seinerzeit in Gelsenkirchen und Umgebung den Spitznamen ‘Schnözil’ ein. Als er dem Verein zwar seinen Handschlag gab, nicht aber seine Unterschrift, erklärte Andreas Müller, der damalige Manager der Königsblauen, frustriert über das Gebaren des Jungstars, dass der Spieler fortan kein Spiel mehr für den Verein machen würde.
Diese Haltung scheint in Bremen, wohin der Spieler nach seiner Demissionierung floh, nun seine Fortsetzung zu erfahren [...]. Auch hier geht es wieder um einen neuen Vertrag und mithin um eine Menge Geld. Und erneut wird er dabei zu einer ‘Reizfigur’, die bisweilen durch konstant ’schlechte Leistungen’ und ‘provokanten Vertragspoker’ mit negativen Schlagzeilen auf sich aufmerksam macht [...].
Habe ich das jetzt richtig verstanden? Maresch wirft Özil, dem Berufsfußballer vor, sich so teuer wie möglich zu verkaufen? Und wieso nur Özil? Was ist mit Michael Ballack? Oder jedem anderen x-beliebigen Profi? Ganz einfach: In Frankreich haben die Özils dieser verdammt nochmal gar nicht monokulturellen Welt gerade eine ganze Nation zugrunde gerichtet. Jawohl! Und das hätte man schon 1998 wissen können, als die Équipe Tricolore den Weltmeistertitel holte. Meint Herr Maresch, ohne sich für diesen publizistischen Bockmist in Grund und Boden zu schämen:
Vergessen sollte man bei all dem überschwänglichen Migranten-Jubel (Multikulturelles Team führt Deutschland zum Erfolg jedoch auch nicht, dass man das vor zwölf Jahren schon mal so oder so ähnlich jenseits des Rheins, und zwar bei unseren französischen Freunden und Nachbarn, vernommen hat.
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Von allen Seiten wurde die Truppe als ‘Schmelztiegel der Rassen und Kulturen’ gefeiert.
Fortan sprachen die Kommentatoren nur noch in ehrfurchtsvollen Worten von der Equipe ‘black-blanc-beur’, der schwarz-weiß-arabischen Mannschaft. Vor allem in ihrem Anführer, dem genialen Taktgeber Zinedine Zidane, Spross algerischer Einwanderer und in einem Armenviertel am Stadtrand von Marseille zur Welt gekommen, verdichtete sich der Traum der Grand Nation vom weltoffenen, liberalen und multikulturellen Land.
Dass währenddessen oder kurz danach in den Banlieues weiter Autos brannten, Vandalismus und Krawall herrschten und Polizisten gleichzeitig herumprügelten und sich ihrer Haut erwehren mussten, war für Presse und Politik kein Thema mehr.
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Doch schon bei der darauffolgenden WM in Südkorea und Japan wirkte die Equipe Tricolore seltsam lustlos, müde, satt und ausgebrannt. Zu Recht musste man alsbald und blamiert den Heimflug antreten. Als Warnzeichen wollte das aber noch niemand werten. Auch dann nicht, als der vergötterte Zidane in der Verlängerung des Finales gegen Italien seinen Gegenspieler Materazzi mit einem gezielten Kopfstoß niederstreckte und seinem Team damit jede Chance auf den Sieg nahm. Schließlich war man doch Vizeweltmeister geworden.
Seit der Spieler Nicolas Anelka aber seinen Chef Raymond Domenech als ‘fils de pute’ bezeichnet hat, ausgerechnet jenen Trainer, der ihn nach seiner Verbannung durch dessen Vorgänger Jacques Santini wieder ins Team geholt hatte, und sein ‘Va te faire enculer’ in die Öffentlichkeit getragen wurde, ist nichts mehr wie es einmal war.
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Seither hagelt es Kritik von allen Seiten, von Politik, Fans und Medien. Schon sehen auch Kommentatoren des Auslandes [...] das Land in einer latenten ‘Identitätskrise’. Erneut fragt man sich, ob die Mannschaft nicht ein Spiegelbild der französischen Gesellschaft ist. Sehen wir in diesem undisziplinierten Haufen arroganter und unerzogener Jungmillionäre nicht ein Abbild unserer selbst, schallt es von den Prints und Screens.
Was das alles mit Multikulti zu tun oder mit Mesut Özil? Natürlich nichts. Gar nichts. Doch Maresch holt anschließend trotzdem zu finalen Rundumschlag aus:
Dem Jubel, der neuerdings wieder mal über die deutsche Elf ausgebreitet wird, [...], ist daher nicht zu trauen [...]. Hätte sich das ghanaische Team vor dem Tor nicht so ungeschickt angestellt, die Lobeshymnen über die Multikulti-Truppe wären den Lobrednern im Hals stecken geblieben.
Vielleicht sollten all jene, die sich jetzt darüber so ergötzen, an einem x-beliebigen Wochenende einmal ein Spiel der Kreisliga besuchen. Dann kämen sie vermutlich zu ganz anderen Einschätzungen und Urteilen.
Ob Herr Maresch jemals bei einem solchen Spiel war, wage ich dann doch zu bezweifeln. Ungeachtet dessen weiß ich aus eigener Erfahrung, wie wichtig gerade die Arbeit mit Jugendlichen in den vielen Vereinen hierzulande für die Integration ist. Dieses großartige ehrenamtliche Engagement unterschwellig in den Dreck zu ziehen – so wie Maresch das tut – ist schon deshalb einfach nur widerwärtig.
Zum Schluss wartet Maresch aber wenigstens noch mit dem ultimativen Argument gegen Joachim Löws muntere Multikultitruppe auf:
Davor ist auch die deutsche Mannschaft nicht gefeit. Zumal es gewiss nicht jedermanns Sache ist, sich mit Bushidos HipHop in Stimmung zu bringen. Man möchte da mal Mäuschen sein und ins Gesicht von Philipp Lahm blicken wollen, der bekanntlich Reinhard Fendrich zu seinen Favoriten zählt.
Huh! Wie wird der gute Philipp da erst vor vier Jahren geschaut haben, als der dunkelhäutige (!!!) Xavier Naidoo vor jedem Spiel in der Kabine lief! Sowas geht doch nicht! Heino for DFB!
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