Die Reihe der Rechtsextremismus- und Antisemitismusskandale in der Piratenpartei reißt nicht ab. Nach Udo Hempel, Bodo Thiesen, Aaron Koenig, Benjamin Ölke, Andre Stüwe, Valentin Seipt, Kevin Barth und Boris Turovskiy hat sich nun auch der Chef der Berliner Piraten, Hartmut Semken, nachhaltig selbst diskreditiert. In seinem Blog schrieb der 45-jährige Entwicklungs- und Projektingenieur vor einigen Tagen (Fullquote, Hervorhebungen von mir):
Jeder Spatz pfeift es vom Dach, aus dem Strauch und überhaupt.
Jede Gazette weiss es – und weiss es besser als jeder, der mitten drin steckt natürlich.
In der Tat kann es sein, dass man mittendrin irgendwie betriebsblind wird.
In der Tat kann es sein, dass man gelegentlich den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht.
Aber ich kann dieses ‘wir müssen uns abgrenzen gegen Rechte Ansichten’ nicht mehr hören.
Twitter ist cool.
Es ist überhaupt das am besten geeignete Medium, um sachlich und unaufgeregt eine Diskussion zu führen, die differenziert und wohlbegründet daherkommt: das geht bekanntlich am allerbesten mit 140-Zeichen langen, höchst flüchtigen Statements.
Wenn Du da nicht ‘alle Rausschmeissen, am besten an den Eiern aufhängen’ twitterst – dann bist Du unmittelbar ein Verharmloser, Relativierer, ja heimlicher Symathisant, der nur den richtigen Faschisten und Nazis den Weg bereiten will, die Piraten zu übernehmen.
Klar, all das bin ich offenbar.
Und schlimmeres sicher auch noch.
Man kann das daran ablesen, wie ich versuche, auch das Wort ‘Ehre’ zurückzuerobern, es ein wenig zu reinigen von dem Dreck, durch den es die Nazis gezogen haben und mit dem sie es führ Jahrzehnte aus dem Wortschatz fast verbannt haben.
Klarer Fall: der Semken ist eigentlich ein Rechter, einer, der anderen die eigene Denk- und Handlungsweise aufzwingen will.
Sexist, Rassist, Antisemit – muss der Semken offenbar auch alles sein.
Semkens Reaktion auf den diffusen, nur dümmste Klischees bedienenden und rein als PR-Stunt durchgezogenen Angriff auf alle, die sich um eine sorgfältige, differenzierte Beschäftigung mit dem alltäglichen Sexismus, der auch vor den Piraten nicht halt macht, bemühen zeigt: er muss ein Sexist sein.
Und heute mal wieder Nazi.
Alles klar.
Die letzte Partei, die mit ‘diese Leute da, gegen die müssen wir vorgehen’ einen Riesenerfolg erzielt hat, in Deutschland, das ist m.E. die NSDAP.
Die hatten für alles einen Sündenbock.
Die wussten genau: wenn man ‘diese da’ nur irgendwie loswird, dann wird alles gut!
Und so haben sie dann das grausamste und widerwärtigste Verbrechen in der deutschen Geschichte begangen – und das mit einer geradezu unglaublichen Systematik und Effizienz.
Interessant ist schon, dass die Piraten die Wahlkampfmethodik, mit der die Nazis gerade Berlin erobert haben, gern kopieren (die Kiezspaziergänge, allerdings in Uniform, sind m.W. Goebbels Erfindung, auch wenn er die nicht so genannt hat), aber alles, was Nazis tun muss man natürlich kategorisch und komplett ablehnen.
Und wenn jemand feststellt, dass Deine Scheisse genauso stinkt wie die von einem Nazi – oha, dann geht’s auf Twitter sofort los!
Fuck You!
Wer Sprüche bringt wie ‘mit Nazis redet man nicht’, der ist nun mal in meinen Augen dem Nazitum näher als er selber glaubt und als gut für ihn ist.
Der gut gemeinte Versuch niedersächsischer Piraten, sich gegen die rechte Ideologie abzugrenzen, geht m.E. daher auch wieder mal komplett in die Hose: man will mit Menschen nicht mehr reden.
Mit faschistischen oder rechtsradikalen Organisationen nicht reden: kann ich unterschreiben und voll mitgehen.
Mit deren Vertretern nicht zu verkehren: alles in Ordnung.
Aber wer Menschen ausgrenzt – der grenzt nun mal Menschen aus und ist damit selber kaum besser als die Nazis selber.
Ja, in der Tat.
Das meine ich so.
Es sind die ‘Rausschmeissen’ und ‘wir müssen uns abgrenzen’ immer-wieder-Herunterbeter, die das Naziproblem der Piraten darstellen, nicht die Bodos und Dietmars.
Denn diese Nazibeisser sind es, die mich und andere zwingen wollen, so zu sein, wie sie mir das vorschreiben.
Was ist nochmal Kern der rechten Ideologie?
Irgendwas mit ‘alles Fremde vernichten’.
Das kommt gelegentlich in der weichgespülten Version daher: ‘Solln die doch hier weggehen, irgendwo anders hin’.
Aber im Kern ist es immer wieder diese eklatante Schwäche, die es den Beisser nicht erlaubt, etwas andersartiges auzuhalten, das sie zwingt, das vernichten zu müssen.
Ich habe bei den Piraten einige Freunde gefunden und auch Leute, die ich mag kennengelernt.
Und eben auch einige, in denen ich mich getäuscht habe, und die sich jetzt als Invers-Nazis rausstellen: voll-gegen-Nazis-mit-Nazimethoden.
fighting for peace is like fucking for virginity.
An sich könnte es ganz lustig sein, zuzusehen, wie diejenigen, die so totaaaal gegen Nazis sind, den Nazis immer wieder ein Podium bereite, immer wieder das dumme und dümmste Zeug streisanden.
Ad nauseam.
Leider ist das nicht lustig.
Denn die Sache ist ernst: die Piraten setzen sich für Meinungsfreiheit, für Demokratie und für eine Gesellschaft, in der jeder sich selbst finden soll, ein.
Also, so war das zuletzt, als ich nachgesehen habe.
Aber wo ist da die Grenze?
Wie weit kann, muss, darf man anderen eine eigene Meinung lassen, wo muss man einschreiten?
Einigen ist das klarer als mir.
Und andere wissen genau, was ich denken darf.
fighting for peace is like fucking for virginity.
Geht mal schön weiter Abgrenzen.
Und tolle Tweets machen.
Ich arbeite lieber weiter an Programmanträgen und Positionen, bei denen ich weiss, dass wirkliche Nazis sie nicht aushalten können.
Dann verpissen die sich nämlich so schnell, wie ihr ‘wir müssen uns doch aber abgrenzen’ twittern könnt.
Auf so eine – mit Verlaub – gequirlte Scheiße muss man erst einmal kommen.