Meine Güte, hat die Kehrtwende in der deutschen Energiepolitik aber Spuren im Gesicht der Kanzlerin hinterlassen! Und das ganz ohne erhöhte Strahlendosis! Guckst du:
Angela Merkel-Trittin: Mensch, wie haste dir verändert!
Und auch beim innerhalb kürzester Zeit vom Atom-Saulus zum Ausstiegs-Paulus gewandelten bayerischen Ministerpräsidenten sind gewisse Veränderungen einfach unübersehbar:
Im Meinungsteil von WELT ONLINE schrieb Ulli Kulke gestern gar Erstaunliches zum Thema Ehec:
Nun, bei dem derzeitigen Lebensmittelskandal haben wir inzwischen 17 deutsche Todesopfer zu beklagen. Der Atomunfall von Fukushima dagegen forderte nicht ein einziges Menschenleben, und nach allem, was man weiß, liegt auch kein verstrahlter Mensch in Japan im Sterben.
Ich weiß zwar nicht, in welcher Parallelwelt der Autor lebt, aber sie kann auf jeden Fall nicht im hiesigen Universum liegen. Dabei geht es Kulik nur vordergründig um das Ehec-Bakterium, das er – aus welch blühender Fantasie heraus auch immer – zum Teil eines Lebensmittelskandals erklärt, an dem natürlich ausschließlich Greenpeace und all die anderen grünen Panikmacher schuld sind. Die sind ja genauso verantwortlich dafür, dass der harmlose kleine Zwischenfall in Fukushima zur Katastrophe aufgeblasen wurde. Das ist das, was Kulik eigentlich zum Ausdruck bringen will.
Dumm nur, dass der Mann längst tot sein wird, wenn die Menschen im fernen Japan immer noch unter dem Super-GAU leiden werden. Denn das ist die traurige und für Kulik auch so peinliche Wahrheit: Die mittel- und langfristigen Folgen der massiven nuklearen Verstrahlung, die Hunderttausende bereits jetzt dauerhaft heimatlos gemacht hat, sind in ihrem dramatischen Ausmaß noch gar nicht abzusehen. Aber dieses leider sehr realistische Zukunftsszenario existiert für Kulik schlicht und einfach nicht, dafür jedoch ein absurdes Feindbild, das mit der Wahrheit nun wirklich nicht das Geringste zu tun hat.
Es ist nicht der versprochene schnellstmögliche Ausstieg aus der Kernernergie, aber es ist trotzdem ein beispielloser Vorgang und das Eingestehen des kompletten Scheiterns der Energiepolitik der schwarz-gelben Koalition: Nur etwas mehr als ein halbes Jahr nach der Verlängerung der Laufzeiten um durchschnittlich 12 Jahre hat das Bundeskabinett heute beschlossen, alle 17 deutschen Atomkraftwerke bis zum Jahr 2022 komplett abzuschalten. Die sieben ältesten Atommeiler sowie der Pannenreaktor in Krümmel, die bereits jetzt keinen Strom mehr produzieren, werden nie mehr ans Netz gehen. Zudem bleibt die im Rahmen der Laufzeitenverlängerung eingeführte Brennelementesteuer bestehen. Flankiert wird der Atomausstieg von der Ankündigung, den Ausbau erneuerbarer Energien durch entsprechende gesetzliche Regelungen massiv voranzutreiben. Wie hoch die Ausstiegskosten sein werden und wer sie letzten Endes bezahlt, ist dagegen noch offen.
Keine Frage: Für die Kanzlerin persönlich, aber auch für die Koalition aus Union und FDP insgesamt ist die Rückkehr zur Vernunft eine politische Katastrophe, denn es wird sicherlich nicht in Vergessenheit geraten, dass dieser Atomausstieg nur der Katastrophe in Fukushima geschuldet ist. Zwar hat die Bundesregierung durch ihre heutigen Beschlüsse eine gewisse Flexibilität bewiesen, die man ihr so vielleicht gar nicht zugetraut hätte, aber unter dem Strich bleibt trotzdem festzuhalten, dass die erwungene Kehrtwende in der Energiepolitik nicht zu einer Erfolgsgeschichte dieser Regierung umgedeutet werden kann. Ganz im Gegenteil: Wer sich in so kurzer Zeit unter dem Druck der Ereignisse um 180 Grad drehen muss, beweist damit einmal mehr nur seine eigene Kurzsichtigkeit.
Siebzehn Atomkraftwerke gibt es in Deutschland – und nur vier davon (Neckarwestheim 2, Isar 2, Gundremmingen C und Brokdorf) sind ab heute noch am Netz. Die restlichen dreizehn Atommeiler sind derzeit wegen des Super-GAUs im japanischen Fukushima oder wegen regulärer Wartungsarbeiten abgeschaltet. Was passiert nun also? Wird es – wie so oft von Atomlobby angekündigt – zu Stromengpässen kommen? Werden wir am Ende gar zu einem Land, dass quasi nur noch auf Batteriebetrieb läuft?
Den Namen Anatoli Stepanowitsch Djatlow kennt hierzuland kaum jemand. Dabei steht er doch für die bisher schlimmste Katastrophe im Zeitalter der friedlichen Nutzung der Kernenergie, den Djatlow war jener Ingenieur, unter dessen Leitung sich am 26. April 1986 im Atomkraftwerk Tschernobyl ein Super-GAU ereignete, an dessen dramatischen Folgen Mensch, Natur und Umwelt auch ein Vierteljahrhundert später noch leiden. Anders als im japanischen Fukushima war jedoch keine bis dahin unvorstellbare Naturkatastrophe Auslöser der Katastrophe, sondern ein fehlgeschlagenes Experiment: Bei der Simulation eines vollständigen Stromausfalls kam es nach eklatanten Verstößen gegen geltende Sicherheitsbestimmungen sowie wegen der bauartbedingten Eigenschaften des Kernreaktors zu einem unkontrollierten Leistungsanstieg, der dann schließlich zur Explosion des Reaktors führte. Die danach freigesetzte Radioaktivität betrug alleine in den ersten 10 Tagen nach dem Unglück mehrere Trillionen (!) Bequerel. In die Erdatmosphäre gelangten auch die hochgiftigen Isotope Cäsium 137 und Jod 131, die durch radiokativen Niederschlag nicht nur die Gegend um Tschernobyl kontaminierten, sondern auch zahlreiche Länder in ganz Europa. Über die Gesamtzahl der Todesopfer gibt es bis heute keine genauen Zahlen, es dürften jedoch mehrere Hunderttausend Menschen sein, die unmittelbar und an den Langzeitfolgen der Strahlung gestorben sind – und das immer noch tun.
Anatoli Stepanowitsch Djatlow bekannte sich 1987 des kriminellen Leiten eines potenziell explosionsgefährlichen Versuchs für schuldig und wurde zu 10 Jahren Hadt verurteilt, aus der er aber schon 1992 wieder entlassen wurde. Djatlow starb 1995 – an einem Herunfarkt. Im Reaktorblock 4, in dem sich vor 25 Jahren die Explosion ereignete, ist die Situation nach wie vor außer Kontrolle. Er wird lediglich durch einen monströsen Sarkophag, der in den kommenden Jahren durch eine 257 Meter lange, 150 Meter breite und 108 Meter hohe Betonhülle dauerhaft ersetzt werden soll, von der Umwelt abgeschottet.
Daruf musste die Welt lange warten: Schon in sechs bis neun Monaten soll der nukleare Super-GAU von Fukushima nur noch eine strahlende Erinnerung im kollektiven Gedächtnis der Nipponesen sein. Wenn das mal keine gute Nachricht ist!
Man werde bis zum Äußersten gehen, um das weitere Ausarten des etwas außer Kontrolle geratenen Störfalls im ansonsten sehr sicheren Kernkraftwerk im Nordosten Japans zu verhindern. Dem POLITBLOGGER exklusiv vorliegenden Konzept zufolge gehören zu den geplanten Maßnahmen die massive Ankurbelung der einheimischen Eiswürfelproduktion, um die havarierten Reaktoren auf kuschelige Temperaturen herunterzukühlen, sowie die vorübergehende Umwandlung eines 500 Kilometer breiten und 1000 Kilometer langen Meeresgebiets an der von Erdbeben und Tsunami teilweise verwüsteten Pazifikküste in ein natürliches Abklingbecken. Tsunehisa Katsumata, Chef der Betreiberfirma TEPCO, sagte am Sonntag vor ausgesuchten Pressevertretern, man gehe davon aus, dass das betroffene Gebiet bereits in 10000 Jahren wieder besiedelt werden könne, wenn auch auf eigene Gefahr. Vor dem Verzehr von Fischen müsse jedoch noch länger vorsorglich gewarnt werden.
Volker Bouffier (CDU), vom hessischen Volk nicht einmal indirekt gewählter Ministerpräsident, will es sich mit der finanzkräftigen Atomlobby dann doch nicht verderben:
‘Wir dürfen nicht den Eindruck erwecken, wir könnten uns von der Kernkraft verabschieden und künftig unseren Strombedarf decken, weil jeder hinterm Haus so einen kleinen Kühlschrank stehen hat und dann in Kraft-Wärme-Kopplung machen kann. Das ist absurd’, sagte der hessische Regierungschef dem stern. ‘Wir müssen Realismus und Fakten stärker in die Debatte bringen. Das gehört zur politischen Führung.’
Bouffier plädierte dafür, nach dem Moratorium auch alte Atommeiler gegebenenfalls weiter laufen zu lassen.
Bleibt nur zu hoffen, dass Bouffiers Kinder keine allzu großen politischen Ambitionen haben, denn die scheinen noch mehr von vorgestern zu sein als der Vater:
Zu seinem Ruf als konservativer Hardliner sagte Bouffier, dessen Sohn Volker jr. Ende März für die CDU in den Gießener Stadtrat gewählt worden war: ‘Wenn Sie mich für konservativ halten, sollten Sie mal meine Kinder hören.’
Tja, Erziehung kann eben auch völlig in die Hose gehen.
Wie schnell lassen sich erneuerbare Energien (EE) technisch und wirtschaftlich vertretbar in die deutsche Stromversorgung integrieren? So lautete der Arbeitsauftrag des Bundeswirtschaftsministeriums an die beiden Institute Consentec und r2b Energy Consulting, von deren Studie sich Minister Rainer Brüderle (FDP) im Vorfeld der AKW-Laufzeitverlängerungen wohl Rückenwind für seine kompromisslose Pro-Atom-Linie erhoffte. Doch der Schuss ging gewaltig nach hinten los: Die beiden Institute kamen zu dem Ergebnis, dass der EE-Anteil am gesamten deutschen Strombedarf schon bis zum Jahr 2020 ziemlich problemlos auf 40 Prozent gesteigert werden kann. Das passte natürlich überhaupt nicht in Brüderles Konzept – und hielt die seit Juni 2010 vorliegende Studie deshalb einfach unter Verschluss. Veröffentlicht wurde sie heimlich, still und leise erst vor zwei Monaten, als sich eigentlich niemand mehr dafür interessierte. Aber nach Fukushima ist eben alles anders, und so detoniert der in der Untersuchung enthaltene politische Sprengstoff jetzt doch noch:
Die Studie mit dem sperrigen Titel ‘Voraussetzungen einer optimalen Integration erneuerbarer Energien in das Stromversorgungssystem’ [...] kommt zum Schluss, dass sich bis 2020 etwa 40 Prozent des Stroms in Deutschland ohne gravierende Probleme mit Öko-Strom-Kraftwerken erzeugen lassen – sogar, wenn gleichzeitig die Kernkraftwerke entsprechend des alten Atomausstiegs nach und nach abgeschaltet werden.
[...]
Ein detaillierter Blick in die Ergebnisse zeigt, dass sich viele Schreckensszenarien nicht aufrechterhalten lassen, solange der Ausbau der Öko-Energie bis 2020 lediglich rasch, aber nicht blitzartig vonstattengeht. So heißt es in dem Papier, die Analyse zeige, ‘dass die Auswirkungen eines EE-Anteils von bis zu 40 Prozent für den konventionellen Kraftwerkspark technisch realisierbar und wirtschaftlich vertretbar sind’. Auch beim Stromnetz werden die Verwerfungen als gering angesehen. Während Brüderle derzeit ständig wiederholt, dass 3600 Kilometer neue Höchstspannungsleitungen nötig seien, veranschlagen die Autoren der Studie bei einem Öko-Strom-Anteil von mehr als 40 Prozent lediglich 250 Kilometer neue Trassen.
Consentec und r2b haben auch die mögliche Entwicklung der Strompreise untersucht. Im ungünstigsten Fall und bei einem EE-Anteil von 50 Prozent würde der Tarif für eine Kilowattstunde (kWh) von aktuell etwas mehr als 19 Cent auf knapp 28 Cent ansteigen. Für einen durchschnittlichen Vier-Personen-Haushalt mit einem Verbrauch von 3500 kWh würde das jährliche Mehrkosten von rund 300 Euro (oder 25 Euro im Monat) bedeuten, ein etwas geringerer EE-Stromanteil wäre jedoch deutlich billiger: Hier gehen die beiden Institue von Preissteigerungen aus, die zwischen zweieinhalb und vier Cent pro kwH liegen. Duch Stromsparmaßnahmen ließen sich die zusätzlichen Kosten aber sicherlich noch so deutlich drücken, dass den Verbrauchern selbst ein 50-prozentiger EE-Anteil zuzumuten wäre – wobei ich persönlich schon heute gerne bereit bin, für einen möglichst hohen EE-Anteil auch 25 Euro im Monat mehr zu bezahlen.
Die Studie geht übrigens auch auf die AKW-Laufzeitverlängerungen ein – und zermalmt dabei das von Bundesregierung mantraartig vorgetragene Argument, man benötige die Kernkraft schließlich als unverzichtbare Brückentechnologie:
Zwar wird von den Autoren erwartet, dass die Meiler die Strompreise deutlich senken, wenn sie am Netz bleiben. Durch die Laufzeitverlängerung verzögere sich die Anpassung des Stroms.
Wenn man die bizarr anmutenden Versuche des Betreibers des havarierten Atomkraftwerks Fukushima verfolgt, den laufenden Super-GAU wenigstens noch einzudämmen, dann könnte man in der Tat glauben, dass Homer Simpson nicht im fiktiven Kernreaktor von Springfield für die Sicherheit verantwortlich ist, sondern vom TEPCO-Konzern angeheuert wurde, um die Katastrophe noch schlimmer zu machen. Der Mann ist erwiesenermaßen das Sinnbild für Inkompetenz und hat im Sektor 7G des Springfielder Atommeilers nicht nur eine Beinahe-Kernschmelze herbeigeführt:
Möglicherweise befürchtet das Schweizer Fernsehen (SF) ja tatsächlich, dass sich die TEPCO-Verantwortlichen bei den Simpsons die eine oder andere Anregung holen, denn zumuten will man den Zuschauern Szenen wie diese offenbar nicht mehr:
So erwägt das Schweizer Fernsehen als Reaktion auf die Reaktorkatastrophe nun sogar die Absetzung einiger besonders heikler Folgen.
[...]
‘Die Redaktion sichtet die Episoden und würde allenfalls Folgen austauschen’, sagte eine Mediensprecherin des SRF [...].
Interessant ist in diesem Zusammenhang übrigens auch, wie das ZDF in seinem Artikel in die selbst aufgestellte Argumentationsfalle tölpelt (Hervorhebung von mir):
Die Atomkatastrophe in Japan bedroht jetzt auch TV-Kultfiguren: Den Simpsons soll es in der Schweiz an den Kragen gehen. Immer mehr Zuschauer nehmen Anstoß am völlig überzeichneten grotesk-makabren Umgang der Zeichentrickfiguren mit Atomkraft.
Zwei Absätze darunter heißt es jedoch (Hervorhebung von mir):
Seit über 20 Jahren gehört die Kultserie ‘Die Simpsons’ für viele Menschen zum festen Bestandteil des Fernsehabends. Anstoß an der grotesk-makaberen Überzeichnung im Umgang mit der Atomkraft nahm bislang niemand – außer die US-Atomindustrie.
Ich denke, dass die eidgenössische Fernsehgemeinde selbst in der Lage ist, die Aus- beziehungsweise Umschalttaste auf der Fernbedienung zu benutzen, wenn sie sich an der erschreckend wirklichkeitsnahen Simpsons-Darstellung stören. Das Dumme ist nur: