Morgen entscheiden die Baden-Württemberger, ob das Land aus der Finanzierung des protzigen Prestigeobjekts Stuttgart 21 aussteigen wird. Zwar ist die erste Volksabstimmung in der fast sechzigjährigen Geschichte des drittgrößten deutschen Bundeslands für die Gegner des in jeder Hinsicht unterirdischen Durchgangsbahnhofs aufgrund des absurd hohen Quorums sowieso kaum zu gewinnen, aber Stuttgarts Noch-Oberbürgermeister Wolfgang Schuster will natürlich nichts anbrennen lassen und hat deshalb einen vor ergreifender intellektueller Schlichtheit nur so strotzenden Brief an die wahlberechtigten Bürgerinnen und Bürger der Landeshauptstadt geschrieben. Motto: Wer gegen Stuttgart 21 stimmt, hat einen an der Waffel. Zitat:
Dann wollen Sie, dass die alten maroden Gleisanlagen und der sanierungsbedürftige Hauptbahnhof bleiben. Bleibt dann alles so, wie es ist? Leider nicht! Es ist meine Pflicht Ihnen zu sagen, dass wir als Bürger Schadensersatz in schwindelerregender Höhe, mehr als 1,5 Milliarden Euro, an die Deutsche Bahn zahlen müssen. Völlig offen ist, wer darüber hinaus für die notwendige Sanierung der riesigen Gleisanlagen und des Bahnhofsgebäudes in Höhe von 1,3 Milliarden Euro aufkommen wird. Unklar ist auch, wie während der über zehn Jahre dauernden Sanierungsarbeiten ein geregelter Bahnbetrieb möglich sein soll.
Die unbelehrbaren Tieferlegungsfetischisten dürfen sich dagegen über Schusters überschwängliches Lob freuen:
Dann wollen Sie, dass die Bahn das Projekt fertig baut. Damit werden die regionalen Zugverbindungen erheblich verbessert und Stuttgart auf Dauer in das deutsche und europäische ICE-Schienennetz eingebunden. Die jetzigen Gleisanlagen verschwinden. Dadurch ergibt sich für uns die historische Chance, über 100 Hektar Fläche mitten in der Stuttgarter Innenstadt zum Leben, Wohnen, Arbeiten und Wohlfühlen zu erschließen. Wir können unseren Schlossgarten um 200000 Quadratmeter erweitern und 5000 neue Bäume pflanzen. Die seit über 100 Jahre getrennten Stadtteile im Norden und Osten Stuttgarts wachsen wieder zusammen.
Kein Wort von den unzähligen Tricksereien und glatten Lügen der Bahn in Zusammenhang mit den enormen Umwelt- und Kostenrisiken des hemmungslos schöngerechneten und -geredeten Milliardengrabs. Kein Wort davon, dass die Ausstiegskosten weitaus niedriger wären. Kein Wort davon, dass die geplante Neubaustrecke nach Ulm selbst ohne Bahnhofsneubau viel Sinn machen würde. Kein Wort davon, dass Paris, Frankfurt, München und viele andere Großstädte im In- und Ausland ebenfalls über Kopfbahnhöfe verfügen, die auch in Zukunft nicht dazu führen werden, dass all diese Metropolen deshalb vom nationalen und internationalen Zugverkehr abgehängt werden. Kein Wort davon, dass die Stuttgarter Innenstadt für mindestens 10 Jahre zu einem lauten Dreckloch werden soll. Kein Wort davon, dass im gleichen Zeitraum ein wenigstens halbwegs vernünftiger Bahnbetrieb unmöglich wäre. Kein Wort davon, dass Stuttgart 21 bis zum heutigen Tag nicht einen einzigen unabhängigen Beweis erbracht hat, besser als die für weniger Geld realisierbaren Alternativkonzepte zu sein. Und, und, und.
Die Fakten, die eindeutig gegen Stuttgart 21 sprechen, liegen also auf dem Tisch. Niemand – nicht Schuster, nicht Grube, nicht Mappus, nicht Oettinger, nicht Ramsauer, nicht die baden-württembergische SPD und auch nicht die, die morgen für Stuttgart 21 votieren wollen – wird im Nachhinein behaupten können, nichts davon gewusst zu haben.
Wolfgang Schuster muss sich im kommenden Jahr übrigens zur Wiederwahl stellen – falls er sich denn entscheidet, erneut anzutreten. Das wäre dann immerhin eine Wahl, die Schuster ganz sicher nicht gewinnen kann.
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