Der inszenierte Urlaub des Christian Wulff
Sommerinterviews gehören seit vielen Jahren zur unseligen Sprechblaserei-Unkultur im deutschen Fernsehen. Als ob Politiker in den Ferien mehr Gehaltvolles von sich geben würden als zuhause. Immerhin: Bisher wurden die Gespräche tatsächlich an den Urlaubsorten der Politprominenz aufgezeichnet (oder wenigstens in der Nähe). Doch ausgerechnet der Bundespräsident hat jetzt mit dieser sinnlosen Tradition gebrochen. Zwar wurde das am vergangenen Sonntag im ZDF ausgetrahlte Interview mit Christian Wulff tatsächlich am bevorzugten Feriendomizil der Wulffs auf Norderney geführt, aber Wulffs Urlaub beginnt erst ein ein paar Wochen. Wulff hat sich mit dem Dienst-Helikopter extra für das Gespräch ins Wattenmeer fliegen lassen. Und für die Kosten – man spricht von 2500 Euro pro Flugstunde -kommt wer auf? Genau – die Steuerzahler. Wie das kam? Man lese und staune:
Ein ZDF-Sprecher gestern zur Vorgeschichte: ‘Zum bekannten Prinzip der Sommerinterviews gehört die Aufzeichnung am jeweiligen Urlaubsort des Interviewpartners. Darauf hatte das ZDF das Bundespräsidialamt hingewiesen, nachdem von dort zunächst Berlin genannt worden war. Der Bundespräsident hat dann Norderney vorgeschlagen, wo er den Sommerurlaub mit der Familie verbringen werde.’
Dann habe sich der Terminkalender des Bundespräsidenten in der Woche vor dem Interview dramatisch gefüllt. Erst kurz vor der Aufzeichnung sei er von mehreren strapaziösen Auslandsreisen zurückgekehrt. Der Sprecher weiter: ‘Angesichts dieser Entwicklung hat das ZDF angeboten, das Interview dann doch ausnahmsweise in Berlin zu führen, um dem Interviewpartner entgegenzukommen. Das Bundespräsidialamt bestätigte daraufhin aber, dass das Sommerinterview, wie ursprünglich vorgeschlagen, auf Norderney stattfinden könne. Das hat das ZDF gern angenommen.’
Es ging um schöne Bilder vom Familien-Ferien-Paradies Norderney – mit dem Präsidenten als Star und Strand und Meer als Statisten.
Schade. Schade, dass Christian Wulff nicht den Köhler machen wird. Stattdessen wird es wieder einmal eine nicht ernst gemeinte öffentliche Entschuldigung geben, und wahrscheinlich wird Wulff die Kosten für den überflüssigen Trip im Nachhinein auch aus eigener Tasche bezahlen. Erwischte Politiker sind ja gerne einsichtig. Oder auch nicht – aber das ist jetzt wieder eine ganz andere Geschichte.
