Ein gefährlicher Weg
Auch eineinhalb Wochen nach den entsetzlichen Terroranschlägen in Norwegen ist es offenbar immer noch notwendig zu erklären, warum man es für richtig und wichtig hält, selbsternannten Islamkritikern bei der existenziell wichtigen Frage nach der Mitverantwortung für das schreckliche Geschehen keinen Persilschein auszustellen. Zwar muss dabei sehr genau zwischen Schuld und Verantwortung unterschieden werden, aber das tun die seriösen unter den Kritikern der Islamkritiker auch. Niemand käme hier auf die Idee, einen Henryk M. Broder beispielsweise einer wie auch immer gearteten Mittäterschaft anzuklagen. Trotzdem werden Taten wie die von Anders Behring Breivik nicht im luftleeren Raum begangen, sondern in einem Klima vorsätzlich geschürter Islam-, Muslimen- und Fremdenfeindlichkeit. Für dieses ungute Klima sorgen aber keineswegs nur die Rechtesten und den Rechten, sondern auch Konservative, die man eher in der politischen Mitte vermuten würde. Zu dieser Sorte Meinungs- und Scharfmacher gehört ein Henryk M. Broder zweifellos. Es ist doch kein Zufall, dass Broder in Breiviks wahnsinnigem Manifest auftaucht, denn es sind Publizisten wie er, die radikalen rechten Spinnern eine mehr als bedenkliche Scheinlegitimation verleihen. Broders häufig erschreckend undifferenzierte, unsachliche und verletzende Pauschaltiraden gegen die Muslime mögen ob der beachtlichen sprachlichen Eloquenz, mit der sie vorgetragen werden, viel zu oft als plausibel wahrgenommen werden, aber genau das ist es auch, was sie so gefährlich macht: Wenn vermeintlich harmlose Biedermänner und -frauen ungestraft zu geistigen Pyromanen werden dürfen, nur weil sie dabei – oberflächlich betrachtet – eine gute Figur abgeben, dann lassen sich nicht wenige nur zu gerne über die von irrationalem Hass vergiftete Grundbotschaft hinwegtäuschen. Und die lautet bei Broder genauso wie bei allen anderen prominenten Vertretern der angeblichen Islamkritik: Der Moslem ist böse, böse, böse.
In Deutschland scheint man gegen diese Sorte Brandstifter zwar noch immuner zu sein als in Österreich, Ungarn, den Niederlanden oder in Skandinavien. Das heißt aber nicht, dass Leute wie Broder ignoriert werden dürfen, denn dass islam- und fremdenfeindliche Parteien hierzulande nahezu bedeutungslos sind, liegt ausschließlich an deren Personal, das entweder schlichtweg zu dumm oder aber durch ihre Nähe zur Neonaziszene vorbelastet und damit selbst für eingefleischte Muslimgegner kaum wählbar ist. Es gibt derzeit keinen deutschen Geert Wilders und keinen deutschen Jörg Haider. Zum Glück. Sollte uns dieses Glück eines Tages verlassen, könnte uns das blühen, was auch im ach so liberalen und weltoffenen Norwegen passiert ist: Dort holte die extrem rechte Fortschrittspartei bei den Parlamentswahlen vor zwei Jahren mehr als 22 Prozent der Stimmen und wurde zur zweitstärksten politischen Kraft im Vorzeigeidyll Norwegen. Dieser Partei gehörte Anders Behrung Breivik übrigens jahrelang als Funktionär an.
Um nicht missverstanden zu werden: Kritik am Islam und auch an Muslimen ist selbstverständlich absolut legitim – wenn sie sachlich begründbar ist. Auch ich habe in diesem Blog oft genug entsprechende Missstände angeprangert. Es geht jedoch nicht an, alle paar Jahre eine neue Minderheit zum Abschuss freizugeben, nur weil die ihr angehörenden Menschen einen anderen kulturellen, religiösen, politischen oder weltanschaulichen Hintergrund haben. In den neunziger Jahren waren es die Asylbewerber, die zu Opfern dieser verabscheuungswürdigen Denkweise wurden, davor waren es die Ausländer generell, und jetzt sind es eben die Muslime, die sich genauso wie jene massiven Anfeindungen ausgesetzt sehen, die damit nicht einverstanden sind.
Wohin ein solcher Weg in letzter Konsequenz immer führt, haben Solingen, Mölln, Rostock und nun leider auch Oslo und Utøya gezeigt.
