Frau Schwarzers Gespür für Polemik
Der Fall Kachelmann beschäftigte gestern Abend auch die ARD-Talkrunde mit Anne Will. Dabei lieferten sich Alice Schwarzer und Gisela Friedrichsen, Gerichtsreporterin des SPIEGEL, einen zwar recht amüsanten Schlagabtausch, der für Frau Schwarzers übliche Halb- bis Gar-nicht-Wahrheiten aber so typisch war, dass man sich schon fragen muss, warum die die Dame im Fernsehen immer noch ihrem ungepflegten Unsinn verzapfen darf:
Dann schauen wir doch mal etwas genauer als Wills Redaktion hin, was Frau Friedrichsen tatsächlich geschrieben hat:
Um es klar zu sagen: Ein Freispruch ist die Entlassung aus der Untersuchungshaft nicht. Über Schuld und Unschuld wird alleine vor Gericht entschieden.
[...]
Wer weiß schon, was sich hinter Schlafzimmerwänden abspielt? Von Kachelmann sind mittlerweile mehr Dinge bekannt, als die Öffentlichkeit zu interessieren hat. Das Harmloseste davon ist noch, dass er kein treuer Gefährte ist, sondern eher ein Luftikus und notorischer Herzensbrecher.
[...]
Was also bewog die [...] Richter [des Mannheimer Landgerichts] zu ihrer unerbittlichen Haltung? Hat es doch wieder eine Rolle gespielt, dass man einen ‘Promi’ vor der Flinte hatte und auf dessen Kosten beweisen wollte, wie gleich alle Menschen angeblich vor Gericht sind? Der Fall Kachelmann belegt erneut, dass von einem Prominentenbonus schon längst nicht mehr gesprochen werden darf, eher von einem Malus.
Für das zu erwartende Strafverfahren lässt das nichts Gutes erwarten, könnte man meinen. Doch in Prozessen, das lehrt die Erfahrung, ist alles möglich. Manchmal sogar ein überfälliges Wunder.
Gisela Friedrichsens Artikel zum Fall Kachelmann haben zwar sicherlich eine Tendenz zugunsten des prominenten Wettermanns, aber eine Basis für Alice Schwarzers Vorwürfe ist diese Tatsache natürlich trotzdem nicht. Gerade der von ihr falsch und dazu noch absichtlich verkürzend zitierte Artikel ist dafür ein Beleg. Und bitte – wer einer renommierten Journalistin auf derart plumpe Art und Weise an den Karren fährt, der hat wohl seine eigene unrühmliche Vergangenheit in Sachen Justizberichterstattung vergessen:
Schwarzer begrüßte die Tat der US-Amerikanerin Lorena Bobbitt, die ihrem schlafenden Mann John den Penis abgetrennt hatte, nachdem dieser sie angeblich betrogen, zu einem Schwangerschaftsabbruch gezwungen und vergewaltigt hatte. Obwohl Lorena Bobbitt einer Verurteilung nur wegen der Annahme geistiger Unzurechnungsfähigkeit zum Tatzeitpunkt durch die Geschworenen entging, und obwohl ihr Mann später vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen wurde, äußerte Schwarzer:
‘Sie hat ihren Mann entwaffnet. [...] Eine hat es getan. Jetzt könnte es jede tun. Der Damm ist gebrochen, Gewalt ist für Frauen kein Tabu mehr. Es kann zurückgeschlagen werden. Oder gestochen. Amerikanische Hausfrauen denken beim Anblick eines Küchenmessers nicht mehr nur ans Petersilie-Hacken. [...] Es bleibt den Opfern gar nichts anderes übrig, als selbst zu handeln. Und da muss ja Frauenfreude aufkommen, wenn eine zurückschlägt. Endlich!’

2. August 2010 um 23:10
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