Gekenterte Veranstaltung
An diesem Wochenende treffen sich die Piraten in Bingen zu ihrem Bundesparteitag. Rund 1000 virtuelle Freibeuter sind gekommen, und sie alle haben Antrags- und Stimmrecht. Herkömmliche Delegierte wie bei den anderen Parteien gibt es bei den Piraten nicht. Das klingt toll, ist es in der Praxis aber leider nicht. Denn was sicherlich gut gemeint ist, gerät mehr und mehr zur peinlichen Farce.
Ich habe mir gestern stundenlang den Livestream vom Parteitag angetan. Auch im Moment läuft der Stream wieder im Hintergrund. Ich tue das immer noch in der wohl irrigen Annahme, irgendwann auch mal etwas Inhaltliches zu hören. Viel Hoffnung habe ich allerdings nicht mehr. Gut, der nach bizarrer Vorstellungsrunde und stundenlangem Hin und Her gestern wiedergewählte Parteivorsitzende Jens Seipenbusch konnte wenigstens sagen, dass er seine Partei programmatisch vernünftig und moderat erweitern will, aber im Großen und Ganzen war es das dann eigentlich auch schon: Sehr viel mehr Konkretes hat dieser Parteitag noch nicht zustande gebracht. In der Hauptsache wird über mehr oder weniger sinnlose Geschäftsordnungstanträge diskutiert und – bestenfalls- irgendwann auch mal abgestimmt. Zur Behandlung der eigentlichen Anträge kommt es jedoch kaum. Die zwar durchaus sehr bemühte, aber mindestens genauso überforderte Versammlungsleitung scheitert regelmäßig daran, wenigstens ein bisschen Ordnung in das heillose Chaos zu bringen. Am Ende dieses Parteitags werden die Piraten vor einem riesigen Berg inhaltlicher Anträge stehen, über die überhaupt nicht gesprochen wurde.
Es mag ja sein, dass die Piraten das alles irgendwie lustig finden. Oder charmant. Mich nervt dieser offenbar schlecht vorbereitete Kindergeburtstag – von einem Parteitag kann beim besten Willen nicht die Rede sein – aber einfach nur noch, und ich vermute, dass das vielen neutralen Beobachtern so geht. Die Außenwirkung, die von Bingen ausgeht, ist so katatstrophal, dass die Partei im Nachhinein noch froh sein kann, erst nach der nordrhein-westfälischen Landtagwahl zu tagen. Im Lichte dessen, was ich in den letzten beiden Tagen gesehen und gehört habe, sind die erreichten 1,5 Prozent viel mehr, als es die Piraten in ihrem momentanen Zustand eigentlich verdient haben.
Bleibt nur zu hoffen, dass es die Piratenpartei irgendwann schafft, ihren endlosen Selbstfindungstrip in etwas geordnetere Bahnen zu lenken. Passiert das nicht, wird sie dauerhaft eine Splitterpartei ohne jeden politischen Einfluss bleiben. Da kann man sich selbst noch so toll und anders finden: Eine wählbare Alternative zu den etablierten Parteien wird sie damit ganz sicher nie werden.




16. Mai 2010 um 12:48
[...] This post was mentioned on Twitter by Mela Eckenfels, Tobias Gies, Norbert Hense, Birr Garten, Burak and others. Burak said: RT @politblogger: Gekenterte Veranstaltung http://bit.ly/bSLxvW #piraten #bpt10 [...]
16. Mai 2010 um 22:27
[...] des Bundesparteitags der Piratenpartei am Samstag und Sonntag in Bingen habe ich mich ja bereits ausgelassen. Natürlich habe ich den – erfreulich hervorragenden – Livestream aber nicht zwei Tage [...]
17. Mai 2010 um 00:30
[...] und eine Meta-Diskussion über Kernthemen und Programmerweiterungen standen im Vordergrund der als chaotisch wahrgenommenen Veranstaltung. Und was macht unsere alte Freundin, die [...]
17. Mai 2010 um 10:05
[...] http://www.politblogger.eu/gekenterte-veranstaltung/ [...]
18. Mai 2010 um 08:14
[...] Politblogger » Gekenterte Veranstaltung [...]
7. August 2010 um 23:07
[...] das absurde Sommertheater der politischen Freibeuter zumindest bei mir das spätestens seit dem chaotischen Parteitag im Mai existierende Bild einer fast schon hoffnunglos zerstrittenenen Partei weiter verfestigt. [...]