Genderhaken

Über den Ablauf des Bundesparteitags der Piratenpartei am Samstag und Sonntag in Bingen habe ich mich ja bereits ausgelassen. Natürlich habe ich den – erfreulich hervorragenden – Livestream aber nicht zwei Tage lang am Stück verfolgt, weshalb mir gestern offensichtlich etwas entgangen ist, was ich so in einer deutschen Partei – dazu noch in einer, die sich betont zukunftsorientiert gibt – im 21. Jahrhundert eigentlich nicht für möglich gehalten hätte. Glücklicherweise hat Nilzenburger gut beobachtet:

Faszinierend war es im PiratenWiki mitzulesen, als eine Berliner Piratin, Lena, vorgeschlagen hatte, einen eigenen, virtuellen ‘Raum’ nur für weibliche Piratenmitglieder zu gründen, in dem man sich austauschen kann und der eben den Frauen vorbehalten ist. Nun ist ja genug Platz da, im Internet und auch sonst macht das ja auf den ersten Blick hin Sinn, denkt man sich. Warum nicht? Schadet niemandem und bestimmt haben Frauen Themen, die sie lieber unter sich besprechen. Voll in Ordnung. Also war jetzt so mein erster Reflex, als ich das mitbekommen habe.

Oh oh … das sehen viele Piraten aber anders. Dieser Vorstoß von Lena (den sie, zugegebenermassen mit einer unglücklichen bis doofen Pressemitteilung verlautbarte – und sich danach noch ungeschickter mit einem ‘das war eine private Pressemitteilung und keine offizielle von der Partei …’ rauszureden versuchte …) kam eher so semi-gut an. Was wurde die beschimpft als Emanze und was sie sich einbilde und wie sehr diese Idee der hochgelobten Transparenz der PP entgegen stünde und wieso Frauen denn eigentlich ihre eigene Mailingliste bräuchten, das wäre doch eigentlich sexistisch, weil Piraten nicht nach Geschlechtern unterscheiden würden, sondern nur Menschen sähen.

Ähm … ja.

Die Diskussion war für jeden einsehbar und ich las ein paar Tage mit, bevor ich die Lust verlor, weil da so verbittert auf Lena rumgehauen wurde, die sich zu einem frühen Zeitpunkt aber schon längst aus der Diskussion verabschiedet hatte, weil sie, mit Verlaub, einfach zu bescheuert war. Argumente gleich Null. Auch wenn weibliche Piraten (die ausdrücklich nicht Piratinnen genannt werden wollen) sich gegen Lena stellten. Mehr als die Jungs Argumente konnten sie auch nicht nachbeten.

[...]

Die oben bereits erwähnte Lena stellte sich spontan zur Wahl zur stellvertretenden Vorsitzenden der Piratenpartei. Das war ein Signal. Ein Signal zum Wechsel. Und als sie sich vorstellte, sagte sie viele richtige und wichtige Sachen (auch dass sie dafür sorgen möchte, dass sich die PP deutlich von Nazis distanziert zum Beispiel), die nur zum Teil mit Genderthemen zu tun hatten. Die aber natürlich auch ihr Thema waren. Und dann kam die Fragestunde. Und dann wurde sie gegrillt. Mit Häme und totaler Scheißelaberei übergossen von Parteimitgliedern, die offensichtlich gar nicht zugehört hatten, was sie da auf der Bühne kurz zuvor gesagt hatte. Die einfach nur ihren Satz des Hasses an sie loswerden wollten, mit vermutet geschickt platzierten Spitzen (‘Willst du als Stellvertreterin auch direkt eine Pressemeldung rausgeben’) , die ebenso lächerlich waren wie 95% der Fragen, die ihr gestellt wurden. Und die sich ALLE nur ums Thema ‘Gender’ drehte, wohingegen Lena eigentlich über viel mehr gesprochen hatte. Es liegt also die Frage nahe, wer jetzt eigentlich ein Problem mit dem Thema hat? Lena kann weitergehen und sehen und weitermachen. Aber verbissene Piraten können das eben nicht. Das war wirklich gruselig zu hören, was da für eine totale Kacke gefragt wurde. Und peinlich war es auch. So sehr zu zeigen, wie wenig man zu politischem Denken in der Lage ist … uiuiui … das als Basis einer Partei halte ich dann doch schon für bedenklich.

Natürlich wurde Lena nicht gewählt. Sie bekam stramme 28 Prozent, was viele schon für ein gutes Zeichen halten. Ich aber sage: Ein gutes Zeichen ist es, wenn sie gewählt wird, denn ganz offensichtlich ist sie politisch durchaus kompetent und weiß was sie sagt und warum sie es sagt. Aber die Piraten sind dann eben doch mehr Bild-Leser als sie wahrhaben wollen: Es soll sich nichts ändern in unserem Schrebergarten.


Nun muss man Leena Simon und das was beziehungsweise wie sie es tut, ja nicht zwanghaft supitoll finden. Aber es ist sehr wohl eines Frage des guten Stils, nicht so mit jemandem aus der eigenen Partei umzugehen – und erst recht nicht, wenn sie freiwillig Veranbtwortung übernehmen will. Das tut man einfach nicht.

Zumindest dann nicht, wenn man ernstgenommen werden will. Allerdings bin ich mir auch gar nicht mehr sicher, ob das tatsächlich noch beabsichtigt ist.

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2 Kommentare zu “Genderhaken”

  1. Tweets that mention Politblogger » Genderhaken -- Topsy.com
    16. Mai 2010 um 22:42

    [...] This post was mentioned on Twitter by Juergen Ertelt and POLITBLOGGER, POLITBLOGGER. POLITBLOGGER said: Genderhaken http://bit.ly/9z3HvI [...]

  2. Mit piratigen Grüßen » Blog Archive » I survived Bingen – Bundesparteitag Piraten 2010
    18. Mai 2010 um 17:56

    [...] http://www.politblogger.eu/genderhaken/ [...]