Holy Joe

Über ihn darf man nichts Schlechtes sagen. Denn er ist schließlich der sakrosankte Kandidat, der über jede Kritik erhaben ist. Nicht, weil er es so will, nein, die Medien haben ihn zum Heiligen Joachim erklärt. Und Heilige machen nun einmal nichts falsch.

Es ist schon ein bizarres Schauspiel, das seit der Hinterzimmernominierung von Joachim Gauck in Presse, Funk und Fernsehen aufgeführt wird. Obwohl es durchaus gute Gründe gibt, den ach so netten Herrn Gauck überhaupt nicht nett zu finden, eilen ihm ganze Scharen ehemaliger Wulff-Jäger zur Seite, um Gauck in Schutz zu nehmen. Es handelt sich dabei übrigens um dieselben Damen und Herren, die Christian Wulff nur wenige Tage zuvor ans Kreuz nageln wollten, weil dessen Sohn von einem Autohändler ein Bobbycar geschenkt bekommen hatte. Bei Joachim Gauck dagegen würde man wohl selbst einen Gratis-Mercedes mit allen Schikanen tolerieren. Die Tatsache, dass Gauck in der Vergangenheit neben einigen klugen Dingen auch ganz und gar Dummes aus sich herausblubbern ließ, passt einfach nicht zur heilsbringerischen Überhöhung eines Mannes, den die Medien von eigenen Gnaden offenbar dazu auserkoren haben, das ramponierte Ansehen des Bundespräsidentenamtes wiederherzustellen. Koste es, was es wolle. Ein Beispiel dafür sind Gaucks umstrittene Äußerungen zu Thilo Sarrazins Buch Deutschland schafft sich ab:

Er attestierte Sarrazin ‘Mut’ und äußerte sich zu dessen Aussagen: ‘Da weist er [Sarrazin] auf ein Problem hin, das nicht ausreichend gelöst ist. Das andere sind seine biologistischen Herleitungen.’ Er urteilte über Sarrazin: ‘Er hat über ein Problem, das in der Gesellschaft besteht, offener gesprochen als die Politik.’ Die politische Klasse könne aus dem Bucherfolg Sarrazins lernen, dass ‘ihre Sprache der politischen Korrektheit bei den Menschen das Gefühl weckt, dass die wirklichen Probleme verschleiert werden sollen’.


Hätte Christian Wulff Sarrazins tumbe fremdenfeindliche Hetze mutig genannt, würde man ihn sicherlich auch dafür noch geteert und gefedert haben. Aber ein Joachim Gauck darf Sarrazin natürlich ganz ungeschminkt loben, denn:

Wird also mit Gauck ein Sarrazin-Unterstützer neuer Bundespräsident? Nein. Zwar wirken die Zitate rückblickend unglücklich gewählt, zumal einem so eloquenten Redner wie Gauck gewahr gewesen sein müsste, welche Sprengkraft sie in verkürzter Form besitzen. Doch bei genauerer Betrachtung lobte Gauck Sarrazin vor allem dafür, ein Thema anzupacken, das er von den politischen Eliten vernachlässigt sah. Von der Argumentation des früheren Finanzsenators hingegen distanzierte er sich deutlich, wie ein SZ-Gespräch mit Gauck anno 2010 zeigte.

Und so sah Gaucks angeblich so deutliche Distanzierung in Wirklichkeit aus:

Er ist mutig und er ist natürlich auch einer, der mit der Öffentlichkeit sein Spiel macht, aber das gehört dazu. Er setzt sich mit dem Missbehagen von Intellektuellen und von Genossen seiner Partei auseinander – darunter werden viele sein, deren Missbilligung er eigentlich nicht möchte. Nicht mutig ist er, wenn er genau wusste, einen Punkt zu benennen, bei dem er sehr viel Zustimmung bekommen wird. [...] Da weist er auf ein Problem hin, das nicht ausreichend gelöst ist. Das andere sind seine biologistischen Herleitungen.

Mit anderen Worten: Gauck hat sich lediglich von Sarrazins absurder These distanziert, hierzulande wüchsen überdurchschnittlich viele Kinder in bildungsfernen Schichten mit häufig unterdurchschnittlicher Intelligenz auf. Den offen fremdenfeindlichen Teil des Buchs kritisierte Gauck damals ausdrücklich nicht – ganz im Gegenteil. Aber das soll jetzt plötzlich nicht mehr wahr sein. Weil das Netz den bösen Gauck ja nur erfunden hat.

Holy Shit Joe!

Kommentieren


 
 
 

Die Kommentarfunktion zu diesem Beitrag wurde deaktiviert.