Lieber Roger Köppel!

Intellektuelle Arroganz werfen Sie dem aufgeklärten Teil der Welt vor, weil die sich so gar nicht mit dem Ergebnis der Anti-Minrarett-Volksinitiative in Ihrem Land anfreunden kann. Nun, ehrlich gesagt bin ich gerne arrogant, wenn es um den Schutz eines fundamentalen Grundrechts geht. Die Religionsfreiheit ist ein solches Recht. Wer Andersgläubigen vorschreiben will, wie sie ihre Gotteshäuser zu bauen haben, der verletzt dieses Recht. Es ist wirklich ganz einfach. Aber eigentlich geht es gar nicht um Minarette. Sie sagen es ja selbst: Der politische Islam ist Ihnen ein Dorn im Auge. Aha! Aber was ist das eigentlich, dieser politische Islam? Und was haben die Schweizer Muslime mit ihm zu tun? Wenn Minarette wirklich Ausdruck eines wie auch immer gearteten politischen Islams wären, wie das von Ihnen und anderen gebetsmühlenartig immer behauptet wird, dann müsste sich die Schweiz in dieser Hinsicht wirklich keine Sorgen machen: Von den Hunderten Moscheen in Ihrem Land haben nur vier Minarette, ein einziger weiterer Minarettbau ist geplant. Das, Herr Köppel, ist die Wahrheit, um die Sie einfach nicht herum kommen.

In der Welt geht auch kein Gespenst namens Demokratie um, Herr Köppel. Die USA und Deutschland sind nicht weniger demokratisch, nur weil sie das Volk nicht über jeden Mist abstimmen lassen – einmal abgesehen davon, dass es in beiden Ländern sehr wohl Elemente direkter Demokratie gibt. Und mal ganz unter uns: Von einem Staat, der seine Frauen im Grunde genommen erst seit 19 Jahren flächendeckend auf allen Ebenen wählen lässt, benötigen weder Amerikaner noch Deutsche Nachhilfe in Sachen Demokratie. Wobei Ihr persönliches Verständnis von Demokratie objektiven Kriterien sowieso nicht standhält. Oder wie ist das zu verstehen, wenn sie fordern, dass kritische Medienleute vor den Bundesrat zitiert werden sollen, wenn Sie nicht das schreiben, was Ihnen genehm ist? Gehört die Freiheit der Medien auf einmal denn nicht mehr zu einer intakten Demokratie?

Apropos Medien: Sie glauben, dass eine Abstimmung über Minarette in Deutschland ähnlich ausgehen könnte wie in der Schweiz. Als Beleg dafür führen Sie zwei Umfragen an, an der die Leser der Onlineausgaben von BILD und SPIEGEL teilnehmen konnten. Bei allem Respekt, Herr Köppel: Sind Sie so dumm oder tun Sie nur so? Keine der beiden Umfragen war auch nur im Ansatz repräsentativ. Die Erfahrung mit solchen Umfragen zeigt zudem, dass sie beliebig manipulierbar sind und dass Sie von einem kleinen Haufen rechtsradikaler Spinner, die in Deutschland sonst keine Schnitte bekommen, regelmäßig missbraucht werden.

Ich kann Ihnen nur den guten Rat geben, einmal in sich zu gehen, Herr Köppel. Wissen Sie, in Deutschland wissen wir leider sehr genau, wohin es in letzter Konsequenz führen kann, wenn man es zulässt, dass eine Minderheit systematisch ausgegrenzt und stigmatisiert wird. Damals war die Schweiz für verfolgte Juden einer der wenigen Zufluchtsorte in der Welt, in dem sie vor den Nazis sicher waren. Sie sollten in der Schweiz sehr darauf achten, dass eines Tages nicht eine Situation entsteht, in der Menschen aus Ihrem Land flüchten müssen.

In diesem Sinne.

Mit trotz allem gerade noch freundlichem Gruß

Ihr POLITBLOGGER

Roger Köppel ist Herausgeber und Chefredakteur des rechtskonservativen Schweizer Wochenmagazins DIE WELTWOCHE.

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