Nazi, CIA-Agent, BKA-Chef
Paul Dickopf ist seit fast 38 Jahren tot. Für Aufsehen sorgt er allerdings noch heute:
Als Mitarbeiter führte der US-Geheimdienst CIA den früheren BKA-Präsidenten Paul Dickopf. Das geht aus der Personalakte Dickopfs hervor, die das Nationalarchiv in Washington zugänglich gemacht hat. Ein Memorandum vom August 1968 bezeichnet Dickopf als ‘unilateralen Agenten’ der CIA. ‘Unsere grundlegende Beziehung mit Herrn Dickopf ist heimlicher Art, aber die offiziellen Kontakte werden als Deckmantel für Treffen mit ihm benutzt’, notierte der europäische CIA-Chef.
Der Mann hat in der Tat eine ganz erstaunliche Karriere hingelegt, die aber schon vor 1945 begonnen hatte:
Paul (Paulinus) Dickopf (* 9. Juni 1910 in Müschenbach; † 19. September 1973 in Bonn) galt als Kopf des Aufbaus des Bundeskriminalamtes (BKA) und war in der Zeit von 1965 bis 1971 selbst dessen Präsident. Er [...] prägte durch seine Arbeit die Kriminalitätsbekämpfung Deutschlands bis zur Wende, deren Organisation (teilweise sogar Terminologie) zu großen Teilen der des Nationalsozialismus entsprochen hat.
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1933 trat er dem NS-Studentenbund bei. Nach Abbruch des Studiums nach sechs Semestern 1936 bewarb er sich [...] bei der Kriminalpolizei. Die Eignungsprüfung bestand er 1937. Als Anwärter für den leitenden Kriminaldienst wurde er am 1. Juni 1937 bei der Kriminalpolizei-Leitstelle Frankfurt am Main eingesetzt. In seinen Personalunterlagen [bei] der NSDAP wurde als ‘erlernter Beruf’ Student eingetragen. Im Juni 1939 legte er die Prüfung zum Kriminalkommissar ab und wurde SS-Untersturmführer beim Sicherheitsdienst (SD). Zum Leiter des kriminalpolizeilichen Erkennungsdienstes für Baden in Karlsruhe ernannt, wechselte im Oktober 1939 auf den Leitungsposten der kriminalpolizeilichen Verbindungsstelle beim Wehrkreiskommando in Stuttgart. Während der Kriegszeit war er im Einsatz bei der Militärischen Abwehr. 1941 wurde er mit dem Kriegsverdienstkreuz II. Klasse mit Schwertern ausgezeichnet.
Etwa im Juni 1942 erhielt Dickopf die persönliche Mitteilung durch die Führungsspitze der Gegenspionage, dass er für einen Einsatz in der Schweiz vorgesehen sei. Die Einarbeitung werde in Paris erfolgen, danach solle er unter dem Namen ‘Peter Dorr’ als Mitarbeiter der Reichsbahnzentrale für den deutschen Fremdenverkehr in Zürich eingesetzt werden.
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Anfang August 1942 reiste er nach Paris, um sich bei der dortigen Verkehrszentrale zur Einarbeitung zu melden. Nach drei Monaten kehrte er nach Stuttgart zurück und erklärte einem Mitarbeiter, dass er den Büroleiter in Paris nicht habe sprechen können, dort aber einer anderen interessanten nachrichtendienstlichen Sache auf die Spur gekommen sei. Er kehrte nach Paris zurück, im Dezember 1942 zog er nach Brüssel. Bis zum Frühjahr 1943 ergibt sich eine Lücke in seiner Biographie. Zu diesem Zeitpunkt wurde sein Freund François Genoud tätig, der als V-Mann bei der Stuttgarter Abwehr ein- und ausging. Über Genoud erfuhr Dickopf, dass man über sein Ausbleiben beunruhigt sei und ihn in Südfrankreich vermutete. Als seine Behörde begann, Nachforschungen über ihn in Brüssel anzustellen, beschloss er ’schnell abzureisen’. In der Nacht vom 17. Juli 1943 betrat Dickopf über die grüne Grenze Schweizer Boden.
Mit Hilfe von Genoud sollte nun die Legende vom übergelaufenen deutschen Abwehrmann aufgebaut werden. Unter einem Decknamen erhielt Dickopf einen Schweizer Flüchtlingspass und die Erlaubnis, sich in Lausanne, Genouds Wohnort, aufzuhalten. Offenbar kamen bei den Schweizer Behörden Zweifel auf, denn am 8. August 1944 wurden Dickopf, Genoud und dessen Ehefrau, sowie Dickopfs Brüsseler Vermieter Muhidin Daouk, ein Libanese, verhaftet. Die Untersuchungen hatte die Groupe du Lac des Sicherheitsdienstes beim Armeeoberkommando geführt. Bei seiner Verhaftung wurden mehrere echte und falsche Ausweispapiere auf die Aliasnamen Peter Diekmann, André Jung, André Donaldsen und Hans Hardegg gefunden. Sichergestellt wurden außerdem Dickopfs Kriminaldienstmarke, sein Dienstausweis der Kripo Karlsruhe, sein SS-Führerausweis, Reisepässe und ein manipulierter Ausweis des Wehrkreiskommandos V. Mitte November setzte die Schweizer Bundesanwaltschaft alle wieder auf freien Fuß. Dickopf musste aber als Internierter in einem Hotel in der Nähe von Bern Zwangsaufenthalt nehmen. In dieser Zeit schrieb er mehrere Berichte über die Organisation und Arbeitsweise der deutschen Nachrichtendienste.
Nach heute vorliegenden Untersuchungen dürfte diese ‘Flucht’ wohl Teil der für ihn vorgesehenen nachrichtendienstlichen Legende sein.
Nazi, CIA-Agent, BKA-Chef – ein Berufsleben ganz nach dem Geschmack von Konrad Adenauer:
‘Man schüttet kein dreckiges Wasser aus, wenn man kein reines hat!’

26. Juni 2011 um 19:51
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