Pyrrhussieg
Wenn man nach den Gründen für die überraschende Zustimmung der Schweizer zur Anti-Minarett-Volksinitiative sucht, dann kommt man schnell zu dem Ergebnis, dass die umstrittenen Moscheetürme dabei keine Rolle gespielt haben können. In der ganzen Schweiz gibt es aktuell gerade einmal vier Minarette, ein fünftes war geplant. Dass sich die Eidgenossen davon bedroht fühlen, kann man wohl getrost ausschließen. Nein, eigentlich haben die Schweizer heute über den Islam und die Muslime in ihrem Land abgestimmt. Und die unmissverständliche Botschaft lautet: Ihr seid bei uns nicht willkommen. Wir misstrauen euch zutiefst. Wir wissen zwar nicht, was ihr uns getan habt, aber wir haben Angst vor dem, was ihr uns noch antun werdet. Man hört ja so einiges: Ehrenmorde, Zwangsehen, Scharia, Terrorismus.
Was diejenigen, die heute mit Ja votiert haben, nicht bedacht haben, ist der Umstand, dass die 440000 Muslime, die in der Schweiz zum Teil schon in der dritten Generation leben, nicht verschwinden werden. Heute nicht, morgen nicht, und übermorgen auch nicht. Die nicht dem Islam angehörenden Schweizer müssen sich trotz des beschämenden Erfolgs des antiislamischen Referendums damit arrangieren, dass Muslime auch in Zukunft unter ihnen und mit ihnen leben werden. Dass es angesichts dieser Tatsache wirklich nicht klug ist, die Religionsfreiheit für Muslime teilweise aushebeln zu wollen, dürfte selbst jenen klar sein, die mit Ja gestimmt haben. Ich bezweifle jedoch, dass die Befürworter der Anti-Minarett-Initiative so weit gedacht haben. Die Mehrheit der Eidgenossen wollte heute vielmehr ein Zeichen setzen: Bis hierher und nicht weiter! Dass es dafür gar keinen erkennbaren Grund gab und gibt, hat diese Mehrheit offensichtlich nicht gestört. Abstimmungsentscheidend waren alleine die diffusen antiislamischen Ressentiments, für die die Muslime spätestens seit dem 11. September 2001 in der ganzen westlichen Welt in gesellschaftliche Sippenhaft genommen werden sollen.
In diesem Zusammenhang dürfte die Affäre um die Verhaftung des Sohnes von Libyens Staatschef Gaddafi und die anschließende Inhaftierung zweier Schweizer Staatsbürger in Tripolis den Ausgang der Volksbefragung zumindest am Rande mit beeinflusst haben – als ob die Schweizer Muslime etwas dafür könnten, dass Libyens Diktator ein geistesgestörter Schwachkopf ist, dessen Land außenpolitisch so oder so schon lange nichts mehr zu verlieren hat – im Gegensatz zur Schweiz. Denn dass die Zustimmung zur Anti-Minarett-Initiative das Ansehen des Landes in der Welt erheblich beschädigt, ist in der Tat keine besonders gewagte Annahme – genauso wenig wie die Prognose, dass die international auch eng mit dem arabischen Raum verflochtenen Schweizer Banken und die eidgenössische Wirtschaft generell (einschließlich der existenziell wichtigen Tourismusbranche) die Suppe auslöffeln müssen, die ihnen das eigene Volk heute eingebrockt hat.
König Pyrrhus von Epirus soll nach der gewonnenen Schlacht gegen die Römer bei Asculum vor knapp 2300 Jahren gesagt haben: Noch so ein Sieg, und wir sind verloren!
So ähnlich dürfen sich die Schweizer heute fühlen.
