Stuttgart 21: Eine halbe Million Rammschläge
Das Projekt Kopfbahnhof 21 – Alternativkonzept zum hochumstrittenen Stuttgart 21 – macht auf seiner Website auf einen echten Hammer aufmerksam, dessen Schattenexistenz auch mir bisher noch gar nicht bewusst war:
Damit der über 400 Meter lange und über 100 Meter breite Betontrog, in dem der 8-gleisige Tiefbahnhof mitsamt seinen schweren Aufbauten und Verkehrslasten zu liegen kommen soll, nicht mit der Zeit im ehemaligen Sumpfgelände des Mittleren Schlossgartens einsinkt, ist es nötig, zu seiner stabilen Gründung circa 3500 sogenannte Ortbetonpfähle mit schwerstem Rammgerät in den Boden einzurammen.
[...]
Die von kaum jemandem gelesenen amtlichen Angaben sollten genügen, um auch den Gutgläubigsten die Augen und besonders die Ohren zu öffnen. Dort stehen folgende sowohl für Parknutzer als auch Anlieger relevante Passagen. Sie sind auf der offiziellen ‘Stuttgart-21′-Internetseite [...] als Dokument im PDF-Format zu finden und herunterzuladen.
Zitate aus ‘Planfeststellungsabschnitt 1.1: Talquerung der Innenstadt mit Hauptbahnhof’, Seiten 305–310:
4.4.3.3. Baubedingte Erschütterungen
Die angesprochenen Rammarbeiten werden zum Niederbringen der circa 3500 Ortbetonpfähle durchgeführt werden, die zur Gründung des Fernbahntrogbauwerkes und in Teilbereichen der Stadtbahn-Tunnelbauwerke erforderlich sind. Hier ist mit großräumigen Auswirkungen zu rechnen. Je Pfahl sind allein circa 125 Schläge erforderlich, um diesen mittels eines Vortreibrohrs und eines so genannten Freifallbären ins Erdreich zu treiben. Anschließend erfolgt erst die Ausrammung des Pfahlfußes, für die eine noch größere Rammenergie erforderlich ist. Die Rammarbeiten sollen jedoch ausschließlich während des Tagzeitraumes, das heißt zwischen 6.00 und 22.00 Uhr erfolgen. […]
Nach den durchgeführten Berechnungen ergeben sich auf dieser Grundlage an nahezu allen betrachteten Stellen Immissionskonflikte vor allem aufgrund der Rammarbeiten, aber auch wegen des Schwerverkehrs auf der Baustraße C. Die prognostizierten Werte überschreiten die einschlägigen Anhaltswerte größtenteils erheblich, so dass zum einen mit Schäden an baulichen Anlagen, der Beeinträchtigung von betrieblichen Anlagen und vor allem auch mit einer enormen Belästigung der Anlieger zu rechnen ist. Damit müssen die prognostizierten Erschütterungseinwirkungen in weiten Bereichen als unzumutbar eingestuft werden. […]
Weitere Schutzmaßnahmen als die im verfügenden Teil des Planfeststellungsbeschlusses genannten, insbesondere eine generelle Reduzierung der Bauzeit oder die generelle Festschreibung von erschütterungsärmeren Bauverfahren, war nicht möglich. Erstere sind für die Vorhabenträgerin (die Bahn AG – Anmerkung des Verfassers) nur in beschränktem Maß zumutbar. Eine deutliche Verzögerung des Bauablaufs hätte so große Mehrkosten zur Folge, dass die Wirtschaftlichkeit des Projekts in Frage stünde. Zudem würde eine weitere Reduzierung der täglichen Rammdauer lediglich dazu führen, dass der Baustellenbetrieb sich insgesamt ausdehnen würde. Er hätte jedoch nicht zur Folge, dass die erschütterungsintensiven Arbeiten an sich eingeschränkt werden könnten. Ein genereller Verzicht auf Rammpfähle und der Einsatz von Bohrpfählen lässt sich hier wegen der Belange des Mineral- und Grundwasserschutzes nicht festschreiben.
Anschließend macht Kopfbahnhof 21 eine ziemlich einfache Rechnung auf:
3500 Betonpfähle, die mit à 125 Schlägen in den Boden gerammt werden müssen: das macht 437500 Schläge! Zusammen mit den mit noch erhöhter Rammenergie’ erfolgenden Pfahlfußausrammungs-Schlägen sollten sich die Stadtbewohner wie auch alle Restpark-Spaziergänger schon einmal Ohrenstöpselvorräte für eine halbe Million erderschütternder Rammschläge zulegen!
Und:
[...] wie lange zieht sich dieser Albtraum voraussichtlich hin? Auch darüber erfährt man in unseren öffentlichen Medien nichts. Also müssen wir es selbst überschlagen: Selbst wenn wir einen kaum durchhaltbaren Schlagakkord von einem Schlag alle 10 Sekunden und einen pausenlosen Non-Stop-Betrieb während der anvisierten 16-Stunden-Schichten pro Tag zugrunde legen, sind das immer noch volle 76 Tage, während derer der Stuttgarter Talkessel und insbesondere der im Zentrum des Hexenkessels gelegene Park unausgesetzt von den einzelnen Taktschlägen dieses ganz speziellen ‘Perkussionskonzerts’ widerhallen wird!
Von diesem Spektakel wohne ich Luftlinie übrigens keine zwei Kilometer entfernt. Falls die Blogeinträge hier demnächst also etwas verwackelt auf Ihrem Monitor erscheinen, richten Sie Ihre Beschwerden vertrauensvoll bitte an:
Wolfgang Drexler
Sprecher des Bauprojekts Stuttgart-Ulm
E-Mail
Via ttrueten.

15. Mai 2010 um 14:48
[...] begonnen – doch der breite Widerstand gegen das in der geplanten Form überflüssige und in vielerlei Hinsicht völlig unkalkulierbare Protzvorhaben ist seitdem nicht etwa weniger geworden, sondern hat sogar [...]
12. September 2010 um 13:08
[...] der Stadt ein ganzes Jahrzehnt lang – mindestens – Chaos, Lärm, Dreck und weitere enorme Beeinträchtigungen der Lebensqualität ins Haus, die weit über das Stadtzentrum hinaus zu kaum vorstellbaren Belastungen der Menschen [...]
3. Januar 2011 um 22:24
[...] ganz schnell zurückwünschen. Mindestens 10 Jahre Lärm, Dreck, Verkehrsbehindungerungen und andere unzumutbare Belästigungen mitten in der Stadt – das ist es, wovor die Geschäftsleite in der City wirklich Angst haben [...]
26. Februar 2011 um 22:48
[...] 21 über mindestens ein Jahrzehnt enorme Belastungen mit sich bringen. Da sind zum Beispiel die 437500 Rammschläge, mit der keineswegs nur die Bewohner der Innenstadt monatelang in den Wahnsinn getrieben werden [...]