Stuttgart 21: Was nicht sein darf, kann einfach nicht sein
Landesweit stößt das Bahnprojekt Stuttgart 21 in Baden-Württemberg einer aktuellen Forsa-Umfrage zufolge mehrheitlich auf Ablehnung: Während sich nur 26 Prozent der 1068 zwischen dem 16. und 27. August repäsentativ befragten Bürgerinnen und Bürger für Stuttgart 21 aussprechen und sich 23 Prozent noch keine abschließende Meinung gebildet haben, sind 51 Prozent gegen das viele Milliarden teure Vorhaben. Noch sehr viel eindeutiger ist das Bild in Stuttgart selbst: Dort gibt es eine glatte Zweidrittel-Mehrheit gegen das von Bund, Land, Stadt und Bahn geplante Projekt.
Diese Zahlen müssen die Befürworter von Stuttgart 21 auch angesichts der bevorstehenden Landtagswahlen natürlich aufschrecken, zumal fast ein Drittel der Befragten erklärt hat, dass das Thema ihre Entscheidung, wem sie im März ihre Stimme geben, maßgeblich beeinflussen wird. Doch anstatt endlich die längst überfälligen Konsequenzen zu ziehen, übt man sich bei CDU und SPD weiterhin in demonstrativ zur Schau gestellter Ignoranz. So glaubt der CDU-Fraktionschef im Stuttgarter Gemeinderat, Fred-Jürgen-Stradinger, offenbar an eine Manipulation der Umfrage:
‘Ich kann das kaum glauben.’
Sollten die Zahlen jedoch zutreffen, so Stradinger weiter, müsse man den Bürgern
‘die Fakten [...] noch prägnanter als bisher [...] vermitteln.’
Genau – die Bürger an sich sind ja dumm und uninformiert. Denen hat man die vielen Lügen deshalb gefälligst solange einbläuen, bis sie sie für wahr halten. Darauf kann Stradinger allerdings warten, bis er noch schwärzer wird, als das per Parteizugehörigkeit ohnehin schon der Fall ist.
Einen ganz anderen, aber keineswegs weniger absurden Erklärungsansatz verfolgt Stradingers SPD-Kollegin Roswitha Blind. Die macht nämlich
die Polarisierung der Bevölkerung durch Medienberichte für das Umfrageergebnis verantwortlich.
Manche Leute tragen ihren Familiennamen wirklich nicht nur rein zufällig. Für Oberbürgermeister Wolfgang Schuster, der die Forsa-Fragestellung für suggestiv hält, gilt das zwar nicht, ein weiteres kapitales Eigentor schießt sich Schuster aber trotzdem:
Der Umbau des Bahnhofs sei nur ein sehr kleiner Teil des Gesamtprojekts. ‘Unsere letzte Bürgerumfrage hat gezeigt, dass eine Mehrheit der Stuttgarter die Erweiterung des Rosensteinparks und des Schlossgartens befürwortet – auch das ist Teil von Stuttgart 21′, [...]
In Ordnung, Herr Noch-OB: Dann erweitern Sie doch Rosenstein- und Schlosspark – und den Rest des Projekts lassen Sie mal schön bleiben, denn dafür haben Sie bei dieser Befragung erneut keine Mehrheit erhalten. Ganz im Gegenteil (Hervorhebung von mir):

Übrigens: Der geplante unterirdische Durchgangsbahnhof und die dafür notwendigen begleitenden Baumaßnahmen sollen der letzten Schätzung zufolge mit fast 900 Millionen Euro (!) zu Buche schlagen. Wie man diese Summe, die immerhin rund ein Fünftel der Gesamtkosten ausmacht, als sehr kleinen Teil des Gesamtprojekts bezeichnen kann, gehört wohl zu den zahlreichen gut gehüteten Geheimnissen in Schusters Rathausbunker.

3. September 2010 um 07:45
[...] Was nicht sein darf, kann einfach nicht sein. Schöner Artikel zur neuesten Forsa-Umfrage und der Reaktion unserer Großkopferten dazu. [...]