Surreales Selbstverständnis (2)

Aaron Koenig ist seit vier Monaten Mitglied der Piratenpartei und sitzt seit drei Monaten in deren Bundesvorstand. Als er Thilo Sarrazin kürzlich dafür lobte, mit seinen völlig indiskutablen Äußerungen zumindest eine Diskussion ausgelöst zu haben, wird sich der eine oder andere Pirat sicherlich schon gefragt haben, ob Koenig wirklich der richtige Mann für ein wichtiges Amt innerhalb der Partei ist. Aus der heftigen Kontroverse um sein Sarrazin-Lob scheint Koenig allerdings nichts gelernt zu haben, denn mittlerweile hat er erneut für einen Eklat gesorgt. In Zusammenhang mit einem SPIEGEL-Artikel von Dirk Kurbjuweit vom 19. Oktober schreibt Koenig (Hervorhebung von mir):

Warum Linke hassen und Piraten lieben

Im letzten Spiegel hat Dirk Kurbjuweit, Leiter des Spiegel-Hauptstadtbüros, in einem Kommentar den Zustand der linken Parteien in Deutschland analysiert – Tenor: ‘Jetzt hassen sie wieder’. Während konservative und liberale Parteien ihre interne Streitigkeiten stets dem Machterhalt unterordnen, attestiert Kurbjuweit der Linken einen latenten Hang zur Selbstzerfleischung und eine ‘lange Tradition des Hassens’.

‘Nur im linken Spektrum’, schreibt Kurbjuweit, ‘gibt es zudem die Figur des passionierten Träumers, der sich eine gute und gerechte Welt ausmalt und den Weg dorthin genau kennt. Dieser Träumer ist verzweifelt, weil er in seiner Partei auf so viele Realisten trifft. Die wiederum sind verstört, weil sie meist als Träumer begonnen haben. In diesem Kampf, Träumer gegen Realisten, glimmt und glüht der Hass.’

Während Streit die Demokratie belebt, verschreckt Hass die Wähler, stellt Kurbjuweit nüchtern fest. Der Hass im linken Lager treibt die Wähler zu den Konservativen und Liberalen, die sich zwar auch streiten, aber mit mehr Selbstdisziplin.

Bin ich froh, dass das bei den Piraten anders ist! Obwohl die Piratenpartei wohl kaum dem konservativen Lager zuzurechnen sind, ist der linke Selbsthass dem Piraten fremd. Unsere Wurzeln liegen in der Nerd- und Hackerszene, die ihrer Natur nach pragmatisch und lösungsorientiert ist. Bei der in dieser Szene schon sehr lange üblichen Kommunikation per E-Mail und Chat, in der weder Stimmklang noch Gesichtsausdruck bei der Interpretation des Verbalen helfen, sind Missverständnisse vorprogrammiert. Erfahrene Internet-User haben daher gelernt, dass Online-Kommunikation nur funktioniert, wenn sich alle an die Netiquette halten.

Dazu gehört bei allem Streit in der Sache ein respektvoller Umgang miteinander und der bewusste Verzicht auf persönliche Angriffe und grobe Sprache. Diese Einstellung haben die Piraten verinnerlicht, sie pflegen Respekt und Selbstdisziplin in der elektronischen wie in der persönlichen Kommunikation.

Einige Journalisten, besonders aus dem linken Spektrum, haben sich bei mir über rüde verbale Angriffe von “Piraten” in Foren und auf Twitter beschwert. Doch dies können keine echten Piraten gewesen sein. Vermutlich waren es verirrte Linke, die sich vermutlich bald wieder enttäuscht von uns abwenden werden.

‘Piraten lieben die Freiheit’ hat Dirk Hillbrecht bei seiner Abschiedsrede als Bundesvorsitzender gesagt, und besser kann man das Wesen der Piraten kaum in einen Satz fassen. Wer die Freiheit liebt, weiss, dass dazu immer auch die Freiheit des Andersdenkenden gehört.


Das passt haargenau zu der Art von arroganter Selbstüberschätzung innerhalb der Piratenpartei, die ich bereits hier kritisiert habe – was im POLITBLOGGER-Forum übrigens zu einer erbittert geführten Auseinandersetzung geführt hat.

Eigentlich wollte ich mich ja schon lange mit der programmatischen Ausrichtung der Piraten beschäftigen, aber die Frequenz, mit der Vertreter der aufstrebenden jungen Partei derzeit wirklich in jeden Fettnapf treten, der sich ihnen anbietet – zuletzt war es Parteichef Seipenbusch höchstpersönlich, der mit Anlauf in einen solchen hinein tappte – hat das bisher erfolgreich verhindert.

Schade, denn zum Programm der Partei gäbe es in der Tat auch einiges zu sagen.

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Via burakt.


 
 
 

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