Was von Griechenland übrig bleibt
Keine Frage: Griechenland hat viel zu lange weit über seine Verhältnisse gelebt. Die gigantische Haushalts- und Staatsschuldenkrise ist eine direkte Folge der jahrzehntelangen Misswirtschaft in Athen. Anstatt frühzeitig gegen die sich abzeichnende Finanzkatatsrophe anzukämpfen, verschleierten die jeweiligen griechischen Regierungen die gewaltigen Probleme lieber. Und der Rest der Euro-Zone hat das auch noch goutiert. Deren fast schon vorsätzlich naive Blauäugigkeit ist mindestens genauso schuld an der Krise wie Griechenland selbst.
Nun, da das Kind längst in den Brunnen gefallen ist, ist nicht nur guter Rat, sondern auch gutes Geld ziemlich teuer. Ich will mich aber gar nicht an der erbittert geführten Debatte über den richtigen Weg aus dem Fiasko beteiligen, sondern einen Aspekt in Erinnerung rufen, der in der öffentlichen Wahrnehmung viel zu selten Berücksichtigung findet. Es ist nämlich keineswegs so, dass die griechische Bevölkerung massenhaft von der Katastrophenpolitik ihrer Regierungen profitiert hat. Wer die Griechen heute zum eisernen Sparen verdonnern will, der muss wissen, dass er sich dabei vor allem an den leeren Kassen der Bürgerinnen und Bürger vergreift. Viele Griechen leben schon heute jenseits der Armutsgrenze. Denen noch etwas wegnehmen zu wollen, ist also völlig sinnlos – und unanständig noch dazu. Dass man in Griechenland dafür kein Verständnis hat, liegt auf der Hand und ist mehr als verständlich. Dennoch scheint sich im Ausland niemand um die politischen und gesellschaftlichen Folgen des gnadenlos aufdiktierten Sparzwangs zu sorgen. Gerade wir Deutschen sollten doch wissen, dass flächendeckende soziale Missstände nie zu etwas Gutem führen können. Wer das mit dem Rechenschieber in der Hand überheblich lächelnd ignoriert, nimmt die große Gefahr einer nicht mehr beherrschbaren Radikalisierung der Bevölkerung in Kauf, von der am Ende keines etwas hat. Die Griechen nicht, wir nicht, die Franzosen nicht, die Euro-Zone insgesamt nicht. Wir reden hier letzten Endes doch nicht von den Posten einer Bilanz, sondern von Menschen, die um ihre Existenz kämpfen. Und die werden, wenn man sie erst einmal in die Ecke der Ausweg- und Hoffnungslosigkeit getrieben hat, zu extremen Mitteln greifen, um zu überleben.
Natürlich kann Griechenland nicht einfach so weitermachen wie bisher. Es wird harte Einschnitte geben müssen. Aber wer dabei die Bevölkerung nicht mit ins Boot nimmt, den Menschen nicht wenigstens ein bisschen Luft zum Atmen lässt, der wird der erste und größte Verlierer dieser Krise sein.
