Westerwelles Dreisatz

Mit dem mathematischen Dreisatz – also dem Verfahren zur Berechnung einer vierten aus drei gegebenen Größen, wenn diese entweder im gleichen oder im umgekehrten Verhältnis zueinander stehen – hatten schon Myriaden von Schülern ihre liebe Not. Dagegen ist der Dreisatz nach Westerwelle so einfach wie eine Milchmädchenrechnung. Er lautet: Wenn Sozialisten und Kommunisten die totale Entmündigung durch den totalitären Staatsapparat anstreben, wie heißen dann die vorbildlichen Entwicklungsländer aus Westerwelles Jugendzeit, die Deutschland inzwischen ebenbürtig sind und demnächst sogar mittig-rechts überholen werden? Die Lösung dürfte nicht nur FDP-Mathematiker überraschen: China, Argentinien und Brasilien.

Wie jetzt? China? Ja, China! Folgt man Westerwelles surrealer Logik, kann das Reich der Mitte ja nur von freiheitsliebenden, einen totalitären Staatsapparat ablehnenden Liberalen regiert werden – bei dem Aufstieg, den das Land in der jüngeren Vergangenheit im Rekordtempo hingelegt hat. Der progressive Chinese als solcher fragt natürlich auch nicht nach den Risiken neuer Techniken, denn er sagt begeistert Ja zur Zukunft! Genauso zukunftsbejahend schert sich der fortschrittsorientierte Chinese auch nicht um die Kräfte der Beharrung Natur, Umwelt oder Menschenrechte am Herzen liegen. Wo kämen wir da denn hin, wenn der linke Zeitgeist nicht nur Westerwelle, sondern auch die Chinesen jagen dürfte?

Übrigens: Der Internationale Währungsfonds (IWF) stuft China, Argentinien und Brasilien immer noch als Schwellenländer – also als Entwicklungsländer mit einem verhältnismäßig fortgeschrittenen Entwicklungsstand – ein. Wenn diese drei Länder Deutschland demnächst überholen, was wird dann aus Deutschland? Ein Entwicklungsland?

Irgendwer muss Westerwelle ganz schnell das für seinen Job besonders unverzichtbare weltpolitische und -wirtschaftliche Grundlagenwissen vermitteln.

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Vielen Dank an Helge für die sachdienlichen Hinweise.


 
 
 

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