Zu spät und zu oft
Man kann sicherlich darüber streiten, ob es einer zentralen Feier in Berlin und einer Schweigeminute bedurfte, um der 10 Todesopfer zu gedenken, die eine neonazistische Terrorbande zwischen 2000 und 2007 kaltblütig ermordet hat. Ich bin kein Freund solcher Gesten, so gut sie auch gemeint sein mögen, denn sie kommen immer zu spät. Viel zu spät. Wie schon mehrfach in der jüngeren deutschen Geschichte, als nach den fremdenfeindlichen Anschlägen von Mölln, Solingen, Rostock und Lübeck, bei denen 18 Menschen ihr Leben verloren, im ganzen Land Lichterketten stattfanden, um ein Zeichen gegen die braune Gewalt zu setzen. Doch was sind solche Zeichen wert, wenn sich danach nichts ändert? Wenn Ausländer und Deutsche immer wieder Diskriminierung, Ausgrenzung und Verfolgung ausgesetzt sind? Wenn staatliche Organe dem Treiben der Täter mehr oder weniger tatenlos zusehen? Wenn selbst Mitglieder der Bundesregierung rechtsextremistische Gewalt relativieren und verharmlosen?
Ich habe heute trotzdem geschwiegen. Weil ich mich dafür schäme, in einem Land zu leben, in dem all das immer noch passieren kann. In dem man so bequem betroffen sein kann, ohne im Alltag wirklich Farbe bekennen zu müssen. In dem Thilo Sarrazins krude Thesen und primitive Ressentiments das Grundgerüst seines überaus erfolgreichen Buchs Deutschland schafft sich ab bilden und dafür vom künftigen deutschen Staatsoberhaupt sogar noch gelobt wird. Das und vieles mehr ist der geistige Nährboden, auf dem sich Neonazis, andere Rechtsextremisten und ihre klammheimlichen Beifallklatscher hierzulande so ungemein wohl fühlen.
Von Peter Rosegger stammt ein kurzes Gedicht, das heute irgendwie besonders gut passt:
Ein bisschen mehr Friede und weniger Streit,
ein bisschen mehr Güte und weniger Neid,
ein bisschen mehr Wahrheit immerdar,
und viel mehr Hilfe bei Gefahr.
Ein bisschen mehr ‘Wir’ und weniger ‘Ich’,
ein bisschen mehr Kraft, nicht so zimperlich,
und auch mehr Blumen während des Lebens,
Denn auf den Gräbern sind sie vergebens.
